Leseprobe

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Alma entdeckt den Tempel der Botanik

Hamburg, Juni 1905
Als Alma ihr zerschlissenes Tuch am Rande des Hopfenmarkts ausbreitete, hatten alle anderen Händler ihre Stände schon aufgebaut. Verschlafen hatte Alma nicht, im Gegenteil, sie war schon seit Stunden wach. Doch seit sie einmal als Erste gekommen war und der weite Platz mit seinem Übermaß an ungenutztem Raum ihr Herz zum Rasen gebracht hatte, erschien sie immer erst, wenn es von Menschen schon wimmelte.
Alma kauerte sich auf die Steine und legte ihre Ware auf dem Tuch aus. Sie bot allerlei winzige Bildchen an: Stadtpanoramen auf der Rückseite von Straßenbahnbilletts, Porträts von Berühmtheiten auf Zeitungsrändern, frivole Szenen auf daumennagelgroßen Papierschnipseln (»Scheuen Sie sich nicht meine Herren, die lassen sich überall heimlich betrachten!«).
Miniaturzeichnungen waren Almas Spezialität, und sowohl ihre Angst vor leeren Flächen, als auch ihr Talent, große Dinge klein zu machen, kamen nicht von ungefähr. Alma stammte aus dem Gängeviertel von Hamburgs Altstadt, Europas größtem Elendsquartier, und dort lernte man, mit wenig Platz auszukommen.
Eine Gruppe Halbwüchsiger näherte sich. Mit schnellen Strichen warf Alma den Michel auf einen Fetzen Papier und verlieh dem Kirchturm nackte Beine und einen Kussmund. Die Jungen stießen sich an und johlten, aber Münzen zogen sie nicht aus der Tasche. Alma legte den Stift wieder weg und griff nach dem Beutel, in dem sie ihre Habseligkeiten aufbewahrte. Der Zeichenblock, den sie sich in besseren Zeiten geleistet hatte, enthielt noch ein letztes Blatt. Sie klappte ihn auf. Das feste, weiße Papier warf die Sonnenstrahlen zurück. Es war für Auftragsarbeiten reserviert. An den meisten Tagen verkaufte Alma nur die Schnipsel mit den Miniaturen, aber bei schönem Wetter saßen die Börsen der Leute lockerer, und manch einer ließ sich porträtieren. Darüber hinaus arbeitete sie manchmal für die Presse.
»Herr Kamp, hallo!«, sie winkte einem Mann, dessen feiner Anzug nicht zu seinen abgestoßenen Schuhen passte. »Suchen Sie nach Geschichten für die Sonntagsausgabe? Ich hab etwas Schockierendes gehört und könnte ein Bild …«
Sie brach ab, weil der Mann einen Finger an die Lippen legte.
»Still. Wir Reporter ziehen es vor, unsere Quellen geheim zu halten.«
Immerhin war er näher gekommen, um das zu sagen.
»Hat dem Chefredakteur meine Zeichnung gefallen?«, fragte Alma.
»Aber ja, er sagte, Ihre Vorstellungskraft sei wahrhaft überbordend. Etwas Schaurigeres habe er lange nicht gesehen.«
»Dann wollen Sie mehr davon?«
»Sachte, Fräulein. Gerüchte und Skandale muss man wohl dosieren, sonst werden die Leute ihrer überdrüssig. Doch versprochen, ich werde wieder auf Sie zukommen, und nächstes Mal möchte ich Blut sehen.«
Er zwinkerte ihr zu und ging weiter.
»Blut kriegen Sie eimerweise«, rief Alma ihm nach. »Die Damen werden umkippen, wenn Sie die Zeitung aufschlagen.«
In ihre Worte mischte sich Magenknurren. Es war schon Mittag vorbei, und ihre letzte Mahlzeit war ein altes Brötchen am Abend zuvor gewesen. Sie drehte den Block um und begann, auf dem Pappdeckel der Rückseite aus dem Gedächtnis eine Bananenstaude zu zeichnen. Letzten Monat hatte sie eine Ausgabe eines botanischen Magazins am Straßenrand gefunden. Zwischen den Seiten mit Text gab es aufwändige farbige Darstellungen der Pflanzen. Hätte sie diese in billige Holzrahmen gesteckt und verkauft, wäre endlich wieder genug Geld da gewesen, um sich richtig satt zu essen. Doch sie brachte es nicht übers Herz, die Abbildungen herauszuschneiden. Noch nie hatte sie etwas derart Schönes besessen. Alle Details der Pflanzen waren sorgfältig ausgearbeitet. Man glaubte, durch ein Mikroskop zu sehen. Jedes Blatt, jede Faser und jedes Samenkorn zeigte sich in wunderbaren Details. Wenn Alma zeichnete, machte sie große Dinge klein, in diesem Buch aber, waren kleine Dinge groß. Der Erschaffer der Werke musste mehrere Tage für ein Bild gebraucht haben. Hätte ein Straßenmaler sich an dergleichen versucht, wäre er bei der Arbeit verhungert. Bananenstauden in solcher Perfektion zu zeichnen, konnte sich nur jemand leisten, der in einem warmen Raum an einem großen Tisch saß, vielleicht neben einer Wanduhr, deren Ticken ihn aber nicht antrieb. Der Glückliche musste nicht hetzen, besaß Zeit im Überfluss und würde erst aufhören, wenn er ganz und gar zufrieden war. Almas Finger zitterten vor Schwäche, und sie brach ihre Zeichnung ab. Ein kleines Stück vom Stamm der Bananenstaude hatte sie geschafft, mehr nicht, und die Maserung war auch nur angedeutet und nicht so fein wie im Original. Aber warum weitermachen? Besser sparte sie ihre verbleibenden Kräfte für eine Arbeit, die ihr bezahlt wurde.
»Zeig mal her«, sagte eine Stimme.
Eine Dame beugte sich herunter und streckte ihre behandschuhte Hand nach dem Block aus. Alma reichte ihn ihr zögerlich.
»Du verstehst dich auf das Abbilden von Pflanzen?«, fragte die Dame. »Ich züchte exotische Blumen und suche jemanden, der Blüten darzustellen weiß. In der Kunstgewerbeschule war ich schon, aber die jungen Leute dort streben nach Wahrhaftigkeit, das kann ich nicht brauchen. Ich möchte mit den Bildern werben, sie sollen die Schönheit der Blumen übertreiben. Kannst du so etwas?«
Sie kniff die Augen zusammen und musterte Almas Finger, als könne sie aus den Knochen unter der Haut eine Antwort ablesen. Alma unterdrückte das Zittern und steckte sich den Stift umständlich hinter das rechte Ohr, um Zeit zu gewinnen. Pflanzen zeichnete sie erst, seit sie das Magazin besaß.
»Mit Natur bin ich gut«, sagte sie.
Dabei dachte sie an die Dirnen, die in der Kammer neben der Küche des Gemüsehändlers abwechselnd ihren Geschäften nachgingen. Eine war jung und ließ sich selten in der Wohnung blicken, aber Ännie, die ältliche, liebte es, ein Pläuschchen am Ofen zu halten, manchmal kaum bekleidet, und ihr Anblick hatte sich in Almas Gedächtnis gebrannt. Sie war es, die Alma vor ihrem inneren Auge sah, wenn sie erotische Szenen zeichnete.
»Die Pracht betonen, die welken Stellen weglassen, darauf kommt’s an, nicht?«, fragte Alma.
Ein Lächeln breitete sich über das Gesicht der Dame aus.
»Agathe Brook ist mein Name. Wir beide sind im Geschäft.«
»Freut mich. Soll ich gleich …«
»Mitkommen? Das wäre wunderbar. Ich helfe dir, zusammenzupacken.«
Frau Brook ordnete Almas Zeichnungen zu einem Stapel, schüttelte das Tuch aus und wartete, bis Alma alles in ihrem Bündel verstaut hatte.
»Meine Mietkutsche wartet um die Ecke«, sagte sie.
Resolut bahnte sie sich ihren Weg durch die Marktbesucher, den Rock mit einer Hand gerafft, um schneller gehen zu können. Alma bemerkte, dass der Saum von Frau Brooks Kleid schmutzig war und dass ihre Füße in flachen Männerschuhen steckten, deren Leder sie an der Ferse heruntergetreten hatte, um sie wie Pantoffeln tragen zu können. War die Dame exzentrisch und achtete deshalb nicht auf ihr Äußeres? Oder war sie ebenfalls arm? Alma beschloss, vorsichtig zu sein. Die Mietkutsche jedenfalls, wartete tatsächlich hinter einer Häuserecke. Das war beruhigend. Hamburgs Kutscher hatten einen Riecher für Kunden, die nicht zahlen konnten. Frau Brook und Alma stiegen ein, und die Kutsche fuhr los, Richtung Alster. Wenn man sich von den Hafenvierteln wegbewegte, war es, als ob die Stadt sich auftäte. Die Häuser wurden zu Villen, die Vorgärten zu Parks, und als sie in den Harvestehuder Weg einbogen, in dem Alma noch nie zuvor gewesen war, glaubte sie sich in einer anderen Welt. Entlang der Allee standen zwei- und dreigeschossige Prunkbauten mit Säulen und Laubengängen. Die imposanten Fassaden wären jede für sich einer Ansichtskarte würdig gewesen, doch Alma sammelte ausnahmsweise einmal keine Motive, sie konnte nur eines denken: was für eine Verschwendung von Platz! Durch die Eingangsportale hätte man einreiten können, und die Stockwerke waren so hoch wie eine dreigeschossige Bude. Stünden diese Villen im Gängeviertel, wären Zwischendecken eingezogen worden, und man hätte Hunderte Menschen in einer einzigen dieser Residenzen untergebracht. Wie viele mochten hier darin wohnen? Eine einzelne Familie wahrscheinlich bloß, und in dieser Gesellschaftsschicht bestand die lediglich aus einem Ehepaar und seinen Kinder. Die weitere Verwandtschaft hatte ihre eigenen Paläste.
In Almas Viertel säumten schmale, mittelalterliche Häuser die Gassen, und weil im Laufe der Jahrhunderte immer mehr Menschen Wohnraum in der Nähe des Hafens gesucht hatten, waren die meisten Gebäude nach und nach aufgestockt und die Hinterhöfe zugebaut worden. Als Säugling hatte Alma noch am meisten Platz gehabt. Damals bewohnte ihre Familie ganz allein eine Bude im Hinterhof der Spitalerstraße. Die Bude bestand aus einer Stube im Erdgeschoss und einer Kammer darüber. Almas Eltern besaßen ein Bett für sich, ihre drei größeren Mädchen teilten sich eines, und Alma schlief in einer Kommodenschublade. Als sie für die Schublade zu groß wurde, wechselte sie in eine mit Lumpen gepolsterte Kiste.
1892 wütete die Cholera in der Stadt. Vater und Mutter starben, und die Kinder wurden an Verwandte aufgeteilt. Die damals siebenjährige Alma zog zu ihrer Tante. Dort hatte sie immerhin noch ein halbes Bett für die Morgenstunden zur Verfügung. Wenn der Mann der Tante früh zur Arbeit ging, durfte sie ihr Lager auf dem Boden verlassen und seinen Platz auf der strohgefüllten Matratze einnehmen. Aber dann bekam die Tante ein Kind, und Alma musste fort. In den folgenden Jahren lebte sie bei einem verwitweten Onkel und seinen zwei Söhnen. Sie wurde geduldet, weil sie kochte, putzte und Wasser aus den Gräben des Viertels, den Fleeten, holte. Die Nächte verbrachte sie zwischen Herd und Tisch auf einer Unterlage aus Kartons. Manchmal fand sie trotz bleierner Müdigkeit nicht in den Schlaf, und um das Schaben der Kakerlaken auf dem Holzboden nicht hören zu müssen, begann sie in einer dieser einsamen Stunden, auf den Kartons zu zeichnen. Im Mondlicht, das durch das Fenster fiel, lehrte sie sich selbst verschiedene Techniken, studierte Abbildungen in Zeitungen und auf Handzetteln und entdeckte dabei ihre Stärke: Bilder, die sie einmal gesehen hatte, blieben in ihrem Kopf wie in einem Album. Später konnte sie sie nach Belieben wieder hervorholen, anschauen und zu Papier bringen. Oft entdeckte sie dabei Details, die ihr vorher nicht aufgefallen waren. Mit ihrer Kunst konnte sie etwas auf dem Markt verdienen, und im Alter von vierzehn sagte sie dem Schimpfen des Onkels und den Schikanen der Cousins Lebwohl. Für ein eigenes Zimmer oder auch nur eine eigene Ecke eines Zimmers reichte ihr Geld zwar nicht, aber viele Bewohner des Viertels nahmen Schlafgänger auf, Menschen, die ihre Betten stundenweise benutzen durften. Alma kam bei der Familie eines Gemüsehändlers unter, und wenn sie abends ihren Kopf auf das Kissen legte, roch sie darauf noch den zweiten Mieter des Betts, einen Arbeiter der Hafenspätschicht. Jeden Morgen musste sie im Voraus bezahlen, damit ihr Platz für den Abend frei gehalten wurde, aber heute hatte sie das nicht gekonnt, und das machte ihr Sorgen. Es wurde immer schwerer, in der ohnehin vollen Altstadt eine Bleibe zu finden, weil die Stadtoberen kürzlich beschlossen hatten, die Gängeviertel, die es auch auf dem Wandrahm und in der Neustadt gab, abreißen zu lassen. Die Choleraepidemie hatte in den schmutzigen Gassen nahe des Hafens ihren Anfang genommen und sich von dort auf die vornehmen Viertel ausgebreitet, und dergleichen konnte wieder geschehen. In der Zeitung stand, dass die Behausungen ohne Kanalisation wie kranke Organe seien, die man aus Hamburgs Bauch schneiden müsse, sollten sie nicht die gesamte Stadt vergiften. In der südlichen Neustadt hatte man schon begonnen, Häuser abzureißen, und auf der Suche nach neuer Unterkunft überschwemmten die Wohnungslosen die Altstadt.
»Größer, höher, breiter«, sagte Frau Brook. »Die Hamburger Kaufleute haben die Nasen schon immer hoch getragen, aber mittlerweile halten sie sich für Adel. Zu Zeiten meiner Großeltern war noch alles unter einem Dach, Lager, Kontor und Wohnung, aber heute will man den Arbeitsplatz von der Wohnstätte trennen. Keiner soll mehr sehen, dass man für sein Geld überhaupt noch etwas tut.«
Sie zog die Handschuhe aus. Ihre Fingernägel waren kurzgeschnitten und ohne Nagelhäutchen, wie die von jemandem, der sich täglich die Hände mit einer Bürste reinigte.
»Ich muss dich leider enttäuschen«, sagte sie. »Meine Adresse mag vornehm sein, aber mein Haus wirkt neben denen der Nachbarn wie eine Wagenremise. Weißt du, es stammt noch aus der Zeit, als das hier Gärtnereigebiet war. Die Reichen und Vornehmen sind noch gar nicht lange da. In meiner Kindheit waren Senator Lutteroth und der Reeder Sloman die Ersten, die herzogen. Hast du eben die Doppelvilla bemerkt? Natürlich hast du das, man kann sie nicht übersehen. Die Leute nennen sie scherzhaft ›die Slomanburg‹. Nun ja, die Pfeffersäcke haben mich umzingelt. Aber ich bin immer noch da, wie eine Distel zwischen Rosen. Ich habe das Grundstück geerbt und will nicht verkaufen. Würdest du auch nicht, oder?«
Alma schüttelte mechanisch den Kopf. Der Redeschwall von Frau Brook rauschte über sie hinweg. Ihre Aufmerksamkeit gehörte der Theaterkulisse draußen. Soeben hatte sie eine Gouvernante entdeckt, die mit zwei Mädchen spazieren ging, eineiigen Zwillingen, und die beiden waren in Kleider aus einem himmelblauen, vielschichtigen Etwas gehüllt. Bis unter ihre Achseln bauschten sich die Röcke.
»Zuckerbäckerpüppchen«, sagte Frau Brook, Almas Blick folgend. »Aber wenn sie von der Schaukel fallen, sind sie so schmutzig wie andere Kinder.«
»Das stimmt wohl«, murmelte Alma höflich, ohne wirklich zu meinen, was sie sagte.
Von der Schaukel fallen? Das konnte sie sich bei diesen Mädchen nicht vorstellen. Vielmehr wirkten die zarten Geschöpfe, als könnten sie jederzeit ihre Zöpfe lösen, das Engelshaar ausbreiten und zu der Wolke zurückfliegen, von der sie gekommen waren. Vergessen hatte Alma ihren Hunger. Sie fühlte sich übermütig, regelrecht berauscht von der wundersamen Wende, die der Tag genommen hatte. Eben noch auf dem Boden zwischen Marktabfällen sitzend, wurde sie nun durch den nobelsten Teil Hamburgs gefahren. Sie hätte ewig in dieser Kutsche bleiben können. Doch leider hielten sie bereits vor einem Grundstück. Hinter einem Holzzaun, von dem die Farbe blätterte, stand ein einfaches, zweigeschossiges Haus, das wie der Zaun schon bessere Zeiten gesehen hatte. Ein Fensterladen hing herunter, und im Dach fehlten Ziegel. Frau Brook ließ sich vom Kutscher auf die Straße helfen, bezahlte ihn und nahm Almas Arm.
»Willkommen auf meinem bescheidenen Acker. Gehen wir gleich nach hinten, zur Orangerie.«
Über einen mit Steinplatten gepflasterten Weg, zu dessen Seiten das Gras kniehoch stand, liefen sie an dem Haus vorbei in den Garten des Anwesens. Dort stand eine Konstruktion, die wie ein überdimensionaler, verglaster Vogelkäfig wirkte. Frau Brook öffnete eine Tür in der Fassade und ließ Alma eintreten. Im Inneren war es um einiges wärmer als draußen. Sonnenlicht flutete durch die Scheiben und verwandelte Kondenswassertropfen in flüchtige Edelsteine. Wären die Pflanzen nicht gewesen, hätte man bequem sechs Kutschen unterstellen können. Aber die Pflanzen waren überall. Wohin man auch sah, buhlten Blüten, Ranken und Blätter um Aufmerksamkeit. Sie wuchsen aus Töpfen, die in schmiedeeisernen Regalen standen oder an Haken von der Decke hingen, und ließen keinen Zweifel daran, wem dieses Haus diente. Woanders mochten Gewächse zertreten, niedergemäht oder auf Fensterbrettern vergessen werden, doch hier drinnen würde niemand wagen, achtlos mit ihnen umzugehen. Dies war der Tempel der Botanik.
»Hübsch, nicht wahr?«, fragte Frau Brook. »Etwas Ähnliches hat in der ganzen Stadt niemand. Die Streben der Wand sind aus Eisen, die Verkleidung aus Zypressenholz. Ich habe die vormontierten Teile bei Lord & Burnham bezogen. Dem Lord & Burnham.«
Sie sah Alma an. Offenbar erwartete sie eine Reaktion. Alma zuckte entschuldigend die Schultern.
»Das ist die Firma, die Treibhäuser für die großen botanischen Gärten in Amerika baut«, erklärte Frau Brook.
»Ach ja, natürlich«, sagte Alma.
Musste man das wissen? Wollte Frau Brook prüfen, ob sie sich wirklich mit Pflanzen auskannte? Wie gut, dass sie das botanische Magazin sorgfältig gelesen hatte.
»Ich sehe hier hauptsächlich Orchideen«, sagte Alma. »Wo sind die Orangen?«
»Welche Orangen?«
»Sie haben gesagt, das sei eine Orangerie.«
Frau Brook lachte.
»Ja, ich nenne sie so. Orangerien waren die ersten Gewächshäuser, die es gab. Man hat sie aber nicht nur gebaut, damit Zitruspflanzen darin überwintern konnten. Vor allem feierte man in ihnen rauschende Feste und beeindruckte seine Gäste. Die Orangerie in Versailles wurde gebaut, bevor man mit dem Schloss begann, in der Schönbrunner hatten Stücke von Mozart ihre Uraufführung. Manche Orangerien besaßen eine Heizung im Boden. Man sollte sich fühlen, wie in einem fernen Land.«
Frau Brook hatte sich in Begeisterung geredet. Ihre Wangen waren gerötete, und sie fächelte sich Luft zu.
»Ich musste beim Luxus leider Abstriche machen. Und zu deiner Frage: Doch, ich habe dort hinten zwei Bitterorangenbäumchen stehen. Im Winter koche ich aus den Früchten Marmelade. Aber das ist Liebhaberei, genau wie meine Sukkulentenzucht. Geld verdiene ich hauptsächlich mit dem Verkauf der Orchideen. Die sind es auch, die du zeichnen sollst.«
Sie führte Alma zu einem Holztisch.
»Hier kannst du arbeiten. Siehst du, da liegen noch der Block deines Vorgängers und die Stifte.«
Mit einer Handbewegung fegte sie weiße Krümel von der Platte.
»Der junge Mann hat furchtbar viel radiert. War nie zufrieden. Beschwerte sich, dass er die Seele der Pflanzen in einer künstlichen Umgebung nicht einfangen könne. Ha, soll er doch ins Moor gehen, und umgestürzte Bäume zeichnen. Aber du bist von einem anderen Schlag, das sehe ich. Du bist eine Handwerkerin.«
Sie zog einen Schemel unter dem Tisch hervor, bedeutete Alma, Platz zu nehmen, und stellte ein Glas vor sie hin, in dem sich eine Orchidee mit runden lilafarbenen Blüten befand. Unter den schmalen Blättern war das Knäuel des weißen Wurzelwerks zu sehen.
»Soll ich die Wurzeln mitzeichnen?«, fragte Alma.
»Nein, Mädchen, warum?«
»Ich meine … weil sie die Pflanze ausgegraben haben.«
»Das ist eine Vanda, und diese Art wächst an der Luft. Aber wichtig ist nur die Blüte, zeichne sie über die ganze Breite …«
Frau Brook beschrieb mit dem Zeigefinger einen Bogen auf dem Block. Alma nahm einen stumpfen Bleistift, maß mit den Augen die Blume ab und warf den Umriss eines Blütenblatts aufs Papier. Er geriet zittrig und viel zu klein. Um ihn zu retten, korrigierte sie mit kleinen Strichen und fügte einen Schatten hinzu. Auf den Schnipseln, auf denen sie normalerweise arbeitete, zeichnete sie Bögen aus dem Handgelenk. Mehr Platz war dort nicht. Nun musste sie größer denken und brauchte eine andere Technik.
»Ich lasse dich für ein Weilchen allein«, sagte Frau Brook. »Es macht dich sicherlich nervös, wenn ich dir über die Schulter sehe. Außerdem hat die Nachbarin zum Tee geladen, und ich gehe hin, auch wenn ich mich heute nicht danach fühle.«
Sie presste einen Handballen an die linke Schläfe und stütze sich auf der Stuhllehne ab.
»Aber was muss, das muss.«

Per spielt Indio

Im Tierpark, im Süden der Stadt, brach die letzte Stunde der Öffnungszeit an. Die Elefanten und Kamele kauten an ihrem Abendbrot, und die Schimpansen hatten sich auf ihren Felsen zurückgezogen und zeigten kein Interesse mehr an den Obststücken der Besucher.
Im ehemaligen Schafsgehege stand ein junger Mann neben einer kalten Feuerstelle und atmete schwer. Er trug ein Indiokostüm am Körper, eine Holzmaske vor dem Gesicht und auf dem Kopf eine Kappe aus Fell, die Nacken und Hals bedeckte. Den ganzen Nachmittag lang hatte er getanzt und schwitzte fürchterlich, aber solange noch Besucher vorbeikommen konnten, durfte er kein Teil ausziehen, wollte er nicht auffliegen. Unter seiner Verkleidung war Per kein Indio, sondern ein blonder, blauäugiger Eingeborener Hamburgs, und mittlerweile hielt er das Theaterspielen zwischen Primaten, Wiederkäuern und Dickhäutern nicht mehr für die leichteste Art, Geld zu verdienen. Seine letzten zwei Reichsmark hatte er vier Tagen zuvor für eine Zugfahrkarte von Kiel zurück in die Heimat ausgegeben, und im Wagen der vierten Klasse, in dem die Reisenden so dicht gedrängt standen, dass keiner von ihnen umfallen konnte, war er mit einem Mann ins Gespräch gekommen, dessen Bruder im Hamburger Zoo arbeitete. Der Mann zeigte ihm einen Zeitungsausschnitt mit einem Bild von finster dreinblickenden Eskimos und wollte wissen, ob Per die schon gesehen habe. Nein? Völkerschauen seien doch der letzte Schrei in den Zoos, die Leute verlangten nach exotischen Menschen, mit wilden Tieren allein könne man sie nicht mehr locken. Wo die Zoodirektoren die Menschen denn herbekämen, fragte Per, und der Mann sagte, ach, er glaube, die würden wie Papageien irgendwo gefangen und eingeschifft, es könne aber auch gut sein, dass man einige hier anheuere. Im Hafen sähe man ja Männer aller Herren Länder, und sein Bruder habe berichtet, die Pygmäenbrüder, die kürzlich ausgestellt worden waren, hätten passabel Platt gesprochen und die Abende mit Skatspielen verbracht.
»Zu spaßen ist mit denen aber trotzdem nicht«, sagte der Mann. »Die sind als Wilde geboren, und mein Bruder achtet immer höllisch darauf, sie gut zu versorgen. Die Eskimos haben rohen Fisch gegessen, aber die Afrikaner, die nächsten Monat kommen, sind angeblich Menschenfresser. Wenn die zwei Wochen lang nur Brot bekommen, werden die unleidlich, könnt ich mir vorstellen. Mein Bruder sagt, wenn er tauschen könnte, würde er lieber eine Herde bösartiger Strauße versorgen. Neulich war ein Indio da, der sollte die Lücke überbrücken, bis die Afrikaner wiederkommen. Zuerst verhielt er sich friedlich, aber dann wollte er mehr Lohn, hat sogar gestreikt und keine Kriegstänze mehr aufgeführt. Ein Indio streikt, was sagt man dazu? Na, mein Bruder hat ihn rausgeworfen und sein Kostüm behalten.«
»Moment mal«, sagte Per. »Heißt das, die Wilden werden bezahlt?«
»Ne Mark am Tag, dazu freie Kost und Logis.«
»Geben Sie mir den Namen Ihres Bruders«, sagte Per. »Ich weiß einen Ersatz für seinen Indio.«
Und so hatte Per sich beworben und war tatsächlich eine Attraktion geworden. Der Tierpark stellte ihn allerdings zu schlechteren Bedingungen ein. Da Per, wie es der Direktor formulierte, »ein unechter Wilder« sei, müsse er den Tageslohn mit Trinkgeldern verdienen. Das funktionierte mehr schlecht als recht. Zu den zwei Groschen, die Per bei der Ankunft in Hamburg in seiner Tasche getragen hatte, waren erst neun hinzugekommen.
Anscheinend waren die Besucher nicht bereit, zusätzlich zum Eintritt Geld auszugeben, schon gar nicht für eine einzelne Gestalt. Immer wieder schnappte Per Gespräche über die Afrikaner auf, deren zweite Ausstellung im Spätsommer anscheinend sehnlichst erwartet wurde. Die Schwarzen hatten die Latte unerreichbar hoch gelegt.
»Die Hottentotten waren um Einiges lustiger«, sagte eine Dame und quetschte den Arm ihres Begleiters in begeisterter Erinnerung. »Oh diese Mannbilder.«
»Und die Frauen erst«, sagte der Begleiter.
»Ach Ernest, warum musst du immer auf Busen starren?«
»Weil sie schön sind. Das musst du selbst zugeben. Was ist das eigentlich für ein Hampelmann?«
Er beäugte Per misstrauisch.
»Lies doch das Schild«, sagte die Dame. »Das ist ein Indio.«
»Indio? Und warum trägt er eine Leinenhose?«
»Vielleicht ist er unterwegs ins Meer gefallen und hat einen Teil seiner Kleidung verloren.«
»Oder er hat sie gestohlen. Komm, schnell weiter. Lass uns noch die Affen ansehen.«
Per ließ die Arme sinken und stellte das Stampfen ein. Vielleicht fehlten wirklich die Frauen. Fort ging das Paar und mit ihm Pers letzte Hoffnung auf einen Lohn für den Tag. Sollte er noch einmal den Abendbrei aus Gemüsestückchen und Getreide essen, der vom Futter der Nagetiere abgezwackt wurde? Nein. In einer Hafenstadt wie Hamburg gab es auch für arme Teufel wie ihn, die in ihre Heimat zurückgekehrt waren und sich vor der Familie versteckten, einen Ort, an dem sie willkommen waren, an dem jeder willkommen war, weil es auf einen mehr oder weniger nicht ankam. Per öffnete den obersten Knopf der Hose und atmete tief durch. Das Kleidungsstück war tatsächlich gestohlen und viel zu eng. Er riss Teile der Beinnähte auf, um es bequemer zu haben. Dort, wohin er nun gehen würde, legte man keinen Wert auf ein korrektes Erscheinungsbild.
»Auf zu Freiheit, Dreck und losen Sitten«, sagte Per zu sich selbst und überwand den Holzzaun mit einem Sprung. »Auf ins Gängeviertel!«cover_orangerie_Q

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