Geheime Leseprobe: Haare bürsten für Japaner

Eine Kurzgeschichte von Haaren, einem bizarren Internetphänomen und – natürlich – von der Liebe.

Berenice war um vier Uhr in der Nacht aufgestanden, um ihre Vorbereitungen zu beginnen. Sie hatte mit Kamillentee gegurgelt, Stimmübungen gemacht, eine Poren verfeinernde Gesichtsmaske aufgelegt und ihre Haarspitzen mit einer Mischung aus Bodylotion und Olivenöl behandelt. Zu Flötenklängen absolvierte sie ihr Yogaprogramm und ausgleichende Atemübungen. Für den heutigen Tag war eine Livesession angekündigt, und Berenice wollte sie abschließen, bevor die Vögel zu singen begannen. Sie schaltete die Kamera an und prüfte den Ton, indem sie ihren Handrücken küsste. Ihre Lippen berührten die Haut nur leicht. Schon ein lauter Atemzug hätte das Geräusch übertönt. Doch da war nichts. Berenice hatte das Sommerhaus ihrer Tante für sich allein, und anders als in L.A., wohin sie vor zehn Jahren als Teenager mit ihrer Familie ausgewandert war, gab es vor den Fenstern nur finnischen Wald. Ein Meer der Blätter und der Stille.

»Ohayou Gozaimasu«, übte Berenice die Begrüßung.

Ja, das klang gut. Sie war bereit. Als sie die Übertragung gerade starten wollte, glaubte sie, etwas zu hören. Den Schlag ihres Herzens? Das Pulsieren des Blutes in ihren Adern? Nein, es war das Tuckern von vier Zylindern. Der Traktor fuhr nicht schneller als ein Fahrrad, und Berenice blieben lange Minuten am Fenster, bis er auf der Landstraße in Sicht kam. Eine weitere Ewigkeit verging, in der das Fahrzeug sein dickes Hinterteil in ihre Einfahrt schob und gemächlich wendete. Aber natürlich vollführte es dieses Manöver nicht allein. Am Steuer saß Berenices Nachbar Otto, dieser unsensible Klotz von einem Pferdebauern. Berenice versuchte, ihn mit Blicken zu erdolchen, doch offenbar kam nicht einmal der Nadelstich einer Aggression bei ihm an. Er saß locker auf seinem Sitz und ließ sich durchschütteln, die Hände fest am Steuer, die Hüften locker. Otto ritt seine Landmaschine wie ein Pferd.

Wutbebend legte Berenice ihre Haarbürste zurück in die samtgepolsterte Schatulle. Ihre Entspanntheit war dahin, an die Livesession war nicht mehr zu denken. Man würde ihr den Zorn anmerken. Die Kamera verzieh nichts. Berenice nahm den Regenschirm von der Garderobe. Es war kein Niederschlag angekündigt, aber in dieser Gegend konnte immer etwas herunterkommen, und außerdem wollte sie in irgendeiner Form bewaffnet sein.

»Und ich hatte Angst, Elchen oder Bären zu begegnen«, schnaubte sie. »Örtliche Bauern hatte ich nicht auf dem Schirm.«

Zu Fuß brauchte man für den Weg zum Nachbarhof eine Viertelstunde. Alle paar Meter entdeckte Berenice eine Lücke zwischen den Bäumen, die ihr zum Wenden eines Traktors hervorragend geeignet schien.

»Warum der Kerl bis zu mir fährt, soll er mir gleich mal erklären«, schimpfte sie vor sich hin.

Der Giebel des Hauptgebäudes kam in Sicht. Berenice trat in eine Pfütze in einem Schlagloch der Straße und bemerkte, dass sie noch ihre Hausschlappen trug. Sollte sie in diesem Aufzug vor den Bauern treten? Sie würde sich lächerlich machen, und falls sie in dem Gesicht ihres Feindes Nummer Eins auch nur die Andeutung eines Schmunzelns entdeckte, könnte sie für nichts mehr garantieren.

Eine Herde Ponys graste auf einer Weide. Es waren hübsche Tiere. Mit ihren kurzen Beinen und den runden Bäuchen wirkten sie gemütlich, doch der verkrustete Schlamm in ihrem Fell störte Berenice. Mittlerweile sah sie die Welt durch die Brille ihrer Fans.

Und meiner ehemaligen Fans, ergänzte sie in Gedanken. Wenn ich doch nur wüsste, warum sie mich nicht mehr sehen wollen, warum nur der harte Kern noch da ist!

Liebesentzug war etwas Schreckliches, und noch bitterer wurde es, wenn man den Grund für die verschwundene Zuneigung nicht verstand. Aber vielleicht gab es gar keinen, vielleicht war nur ein neues Objekt der Begierde aufgetaucht, ein frischer Trend, eine lockendere Zerstreuung.

Berenice wusste, dass sie solche Grübeleien nicht weiterbrachten. Die Ratgeber für Selbstständige rieten, sich auf seine Kernkompetenz zu konzentrieren.

»Leuchte«, murmelte Berenice. »Strahle Zuversicht aus und du wirst magnetisch sein.«

Sie selbst fühlte sich augenblicklich nur von dem Laden im Dorf angezogen. Dort konnte man von H-Milch bis zu Schnürsenkeln alle Dinge des täglichen Bedarfs kaufen, und der Briefträger hinterlegte Sendungen, die ihm zu schwer waren. Berenice hatte versucht, den Mann mit Schnaps und Schokolade zu bestechen, doch vergeblich. Alles, was über einen Brief hinausging, kam ihm nicht in die Mopedtaschen.

Berenice schlurfte weiter. Ihre Schlappen waren ruiniert, aber was machte das? Ihre Füße fing die Kamera nicht ein. Im Laden herrschte für finnische Verhältnisse reger Betrieb. Eine alte Frau wählte Kartoffeln aus und besah jede einzelne so gründlich, als wollte sie sie in einer Vitrine ausstellen. Am Kassentresen beugten sich zwei Teenager-Mädchen über ihre Handys und kicherten. Die Ladenbesitzerin war nicht zu sehen, stattdessen tat ein pickliger Junge Dienst, der Nase nach zu urteilen, ihr Sohn.

»Hyvää päivää!«, sagte Berenice.

Sie versuchte, es so auszusprechen, dass man ihre Amerikajahre nicht heraushörte, und riss den Mund weit auf. Dabei geriet eine Fruchtfliege in ihren Rachen. Berenice würgte trocken, um das Insekt herunterzuschlucken.

Eklig!, dachte sie. Kein Wunder, dass die Leute einsilbig sind.

Anscheinend bildete der Junge jedoch eine Ausnahme.

»Sie sind die Amerikanerin, oder?«, fragte er. »Mein Bruder kennt Sie. Krasse Sache. Nach der Schule will ich das auch machen.«

Berenice strahlte ihn an. Augenblicklich fühlte sie sich wieder beliebt. Sie betrachtete die Haare des Jungen. Es würde helfen, wenn er sie wachsen ließe. Und sie hatte noch nie von einem aktiven Mann in ihrem Bereich gehört. Andererseits – warum nicht?

»Freut mich, dass die Welle nach Europa schwappt«, sagte sie. »In Japan ist die Sache bald tot, fürchte ich. Aber die Japaner sind ja oft Trendsetter.«

»Sie meinen, die wollen gar nicht mehr auf den Fuji?«

»Wie?«

»Sie haben doch den Dia-Vortrag gehalten. Über Hiking.«

Berenice sackte wieder zusammen, zurück in ihre deprimierte Haltung.

»Das war eine andere Amerikanerin«, sagte sie.

»Oh.« Auch der Junge schien enttäuscht. »Na, dann. Hier ist ihre Post.«

Er knallte einen Packen auf den Tresen. Unter dem Adressaufdruck erkannte Berenice das Logo eines Technikversands. Den Katalog hatte sie angefordert, als es noch gut lief. Verrückt von ihr, geglaubt zu haben, die Investition in ein rauschfreies Kondensatormikrofon könne sich auszahlen.

»Danke. I will go for some food.« Berenice hatte jetzt keine Lust mehr, Finnisch zu sprechen. Missmutig legte sie zwei Fischkonserven und eine Packung Pfannkuchen auf den Katalog.

»Und was machen Sie so?«, fragte der Junge.

»Ich filme mich, wie ich meine Haare bürste.«

»Ah. Cool.«

»Mir schauen Leute über das Internet dabei zu. Viele Leute. Zumindest waren es früher viele.«

»Japaner?«

»Hauptsächlich. Sie finden, es ist wie Gehirnmassage. Beruhigend, angenehm und tröstlich.«

»Ich hab mal meine Katze gefilmt, wie sie in den Gummibaum springt und das als Dauerschleife auf dem Fernseher laufen lassen. Hat den Hund verrückt gemacht.«

»Mein Haarebürsten ist kein Spaßding. Ich habe einen eigenen Kanal und verdiene damit Geld. Über Werbung und direkte Zuwendungen von Fans.«

Der Junge zog die Augenbrauen hoch und nickte. Er wirkte, als wolle er Berenice beschwichtigen.

Keine Ahnung hat der, dachte Berenice. Er ist kein Japaner, der schon in der Grundschule gestriezt wird, damit er gute Note bekommt und auf die Uni darf und später einen stressigen Job ergattert, zu dem er jeden Tag vier Stunden pendeln muss, nur um abends in einer winzigen Wohnung zu sitzen. Er sehnt sich nach Entspannung, und die findet er, indem er eine Frau dabei beobachtet, wie sie mit Bedacht ihre Haare pflegt. Sonst nichts. Irgendwann muss man schließlich mal abschalten. Oder sind das die Chinesen mit dem Stress in der Schule? Ich weiß es nicht. Sollte ich meine Zielgruppe besser kennen? Oder ist es dafür schon zu spät? Ich hätte das Ganze richtig professionell aufziehen sollen, mit Business Plan und so weiter. Stattdessen habe ich mich vom plötzlichen Ruhm blenden lassen, habe meinen Job gekündigt und bin in das Haus meiner Tante gezogen. Wo die Stille meine Sessions noch besser machen würde, wie ich glaubte. Doch man sollte sein Leben wohl nicht nach einem Erfolg ausrichten, den man sich selbst nicht erklären kann. Ich hatte etwas Undefinierbares für diese Leute, und das ist nun fort.

Auch der Junge sah schon den nächste Kunden an. Berenice bezahlte ihre Einkäufe, wedelte die Fruchtfliegen weg und murmelte ein müdes »Bye«.

Am Nachmittag trudelte eine einzelne Mail in ihren Posteingang. Hitoshi erkundigte sich höflichst, wieso die versprochene Livesession nicht stattgefunden habe. Berenice antwortete, sie habe technische Probleme gehabt, werde aber in den nächsten Stunden eine Aufzeichnung zur Verfügung stellen. In Japan war nun Schlafenszeit. Hitoshi musste Kraft für den nächsten Tag in der Firma tanken.

Berenice aß zwei kalte Pfannkuchen direkt aus der Packung und spülte sie mit einem klumpig angerührten Kakao herunter. Eigentlich war jede Form von Schokolade für sie tabu, weil ihr Körper darauf mit Pickeln reagierte, aber heute brauchte sie einfach Seelennahrung, und die Hautunreinheiten würden sich erst zeigen, wenn die Aufzeichnung im Kasten war. Danach wollte sie sich eine Pause gönnen, zwei Tage nur für sich.

Berenice unterzog ihre Haare keiner Vorbehandlung.

Heute bin ich mal authentisch, dachte sie. Viele Fans zu verlieren habe ich ohnehin nicht mehr.

Kamera an, Ton an, Bürste in die Hand. Und los ging es.

»Konnichiwa«, sagte Berenice. »Ich bin etwas verschwitzt, denn der Tag hielt bis jetzt nur Ärger für mich bereit. Bin mit dem falschen Fuß aufgestanden, ihr kennt das.«

Bestimmt taten sie das, aber gerade darum wollten sie so etwas wahrscheinlich nicht hören.

Sie wollen nur mein Haar und meine Bürste, dachte Berenice. Ein Perückenkopf ohne Persönlichkeit soll ich für sie sein. Doch wer meine Kunst schätzt, der muss die ganze Berenice nehmen. Mit all ihren Problemen und Unzulänglichkeiten.

»Viele folgen mir nicht mehr«, sagte sie. »Aber ihr seid meine wahren Fans. Mit euch kann ich offen sprechen. Ich schätze euch mehr, als ihr euch vorstellen könnt. Und das möchte ich euch beweisen.«

Ende der Leseprobe

Dies sind die bereits erschienenen finnischen Geschichten

 

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