Leseprobe

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29. September 1998
Ludwiga »Lu« Neubert kauerte auf einer Bank an Gleis 3 des Bahnhofs Neuwiesendorf in Thüringen und bearbeitete mit den Daumen die Tasten ihres Game Boy Pocket. Auf Außenstehende mochte das wie ein konzentrierter Kampf in einem späten Level wirken, in Wirklichkeit spielte Lu aber, um sich von der einzigen anderen Reisenden abzuschotten, einer Frau in braunem Steppmantel und rotem Wollhut. Die Frau saß auf der zweiten Bank am anderen Ende des Bahnsteigs, und Lu hatte sie erst wenige Minuten zuvor bemerkt. Lärmende Schulkinder, die zusammen mit ihr ausgestiegen waren, hatten ihr vorher die Sicht versperrt. Doch nun waren die Kinder gegangen, und Lu wäre am liebsten auf Ameisengröße geschrumpft und in die Lüftungsschlitze der Spielkonsole gekrochen. Aus den Augenwinkeln musterte sie die Frau. Sollte sie die sein, für die Lu sie hielt? Dann wäre sie ihr schon über dreihundert Kilometer gefolgt.
Nach Tetrisrekorden zu jagen und zu tun, als wolle sie auf keinen Fall gestört werden, würde Lu auf Dauer nicht helfen. Doch weil ihr nichts anderes einfiel, baute sie weiter Viererklötzchen in eine Mauer ein. Um die Batterien zu schonen, stellte sie den Ton ab. Trotzdem wurde die Anzeige des Displays rapide schwächer. Lu schaffte eine letzte Reihe, aber die Bonuspunkte erreichten sie nicht mehr. Das Gerät ging aus.
Lus Gesicht spiegelte sich im dunklen Bildschirm. Wegen des Winkels wirkten ihre Augen unnatürlich groß. Sich selbst anzusehen, wenn man Angst hatte, konnte einen in den Wahnsinn treiben. Lu sprang auf, warf sich ihren Bergsteigerrucksack über die Schulter und ging zu der Unterführung, durch die man zum Bahnhofsgebäude gelangte.
Die Glastüren zur Halle, in der es einen unbesetzten Verkaufsschalter und ein leeres Ladengeschäft gab, waren verschlossen, doch neben dem Gebäude stand eine Telefonzelle. Lu zog eine Telefonkarte aus ihrem Portemonnaie, steckte sie in den Schlitz und bemerkte erleichtert, dass noch 4,51 DM Guthaben darauf waren.
Jemand hatte alle Wähltasten mit Edding geschwärzt. Lu zog den rechten Ärmel ihres Pullovers über die Hand, um den Hörer nicht direkt anfassen zu müssen, und wählte mit einem Fingerknöchel die Nummer ihres Elternhauses. Ihre Schwester Isabelle meldete sich nach dem zweiten Klingeln.
»Neubert?«
»Isi, ich bin es«, sagte Lu.
»Bist du schon angekommen?«
»Nein, ich stecke noch in der Pampa fest und warte auf den Anschlusszug. Hör mal, hat heute jemand von der Uni angerufen?«
»Nee, aber gestern. Die Sekretärin vom Prüfungsamt.«
»Welche?«
»Hm, ich weiß nicht mehr genau. Hase hieß die, glaube ich. Oder Hassel oder …«
»Hasske?«
»Ja, genau. Papa hat mit ihr gesprochen.«
»Was wollte sie?«
»Du hast deine Kopierkarte liegenlassen, als du die Diplomurkunde abgeholt hast.«
»Und?«
»Wie, und?«
»Was hat Papa gesagt?«
»Er hat gesagt, in deinem neuen Job hättest du keine Verwendung mehr für die Karte. Weißt ja, wie stolz er auf dich ist. Erzählt jedem, dass seine Älteste mit dem Studium fertig ist und jetzt weggeht. Und dann gleich so weit weg. In den wilden Osten, uh …«
Isabelles Stimme triefte vor Spott. Normalerweise wäre Lu um einen Konter nicht verlegen gewesen und hätte gesagt, dass Klein-Isi es erst einmal aus ihrem Zimmer herausschaffen solle, in dem zwischen Musikschulurkunden noch immer das Poster des kleinen Prinzen hing. Aber an diesem Tag, an dem verlassenen Bahnhof mit ihrer Verfolgerin in Sichtweite, hatte sie keine Kraft für schwesterliche Kabbeleien. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus.
»Hat Papa gesagt, wohin ich genau gehe?«, fragte sie und betete, dass die Antwort ein Nein wäre.
»Na klar«, sagte Isabelle. »Herzroda. Und er übt ja fleißig den thüringischen Dialekt. Härzrööödaaa, so klang das.«
Sie lachte.
»Verdammt«, sagte Lu. »Also ist sie es wirklich.«
»Wer?«
»Die Frau auf dem Bahnsteig. Frau Hasske ist mir gefolgt.«
»Um dir die Kopierkarte wiederzugeben?«
»Nee, Isi. Darum wohl nicht.«
»Weswegen dann?«
Lu schwieg und starrte durch die verkratzte Scheibe der Telefonzelle zu Bahnsteig 3 hinüber. Auf ihrer Bank packte Frau Hasske gerade eine Thermoskanne aus. Die Dame war vorbereitet. Im Gegensatz zu Lu hatte sie anscheinend vor dem Losfahren den Reiseplan mit allen Umsteigezeiten studiert. Sie hatte gewusst, dass sie fast eine Stunde in der Mitte von Nirgendwo würde zubringen müssen.
Natürlich, dachte Lu. Leute wie die sind organisiert, die brechen nicht auf, ohne vorher nachzusehen, wann sie wie wo ankommen werden. Und darum kommen sie dann auch an. Immer.
»Bist du noch dran?« Isabelles Stimme klang besorgt.
»Ja«, sagte Lu. »Alles in Ordnung.«
Das war es nicht, aber das konnte sie ihrer kleinen Schwester nicht verraten. Isabelle wurde schon unruhig, wenn jemand in der Familie den Müll nicht richtig trennte.
»Vielleicht war etwas mit deiner Diplomarbeit nicht okay«, sagte Isabelle. »Vielleicht hast du vergessen, ein Exemplar für die Bibliothek drucken zu lassen.«
»Ach, genau«, sagte Lu. »Ich Dussel.«
»Siehst du. Alles halb so wild. Das kannst du ja nachholen.«
»Danke, Isi. Ich rufe wieder an. Grüß Mama und Papa.«
»Mach ich. Tschüs.«
»Tschüssi«, rief Lu gezwungen fröhlich.
Sie legte auf und ihr Grinsen erstarb. Tatsächlich war etwas mit der Diplomarbeit nicht okay. Konkret gesagt, stimmte etwas mit deren Existenz nicht. Es gab keine Diplomarbeit. Zwar hatte Lu gewusst, dass ihr Betrug irgendwann auffliegen konnte, aber erwartet, dass das Jahrzehnte dauern würde. Mögliche Folgen hatten sie darum nicht geschreckt. Ach, sorry, wollte sie sagen, ich war etwas in Zeitnot, und weil ich nebenbei so viele andere Projekte hatte, ist mir wohl ganz entgangen, dass ich die Arbeit gar nicht fertiggeschrieben habe. Na und? Entzieht mir den Titel, dann bin ich eben keine Diplom-Politikwissenschaftlerin mehr. Schaden für andere ist ja nicht entstanden. Schließlich habe ich mich nicht durchs Medizinstudium geschummelt, um Herzoperationen durchzuführen.
Betrügereien waren an der Uni gang und gäbe, man schrieb ab oder bezahlte Ghostwriter, und Frau Hasske hatte bestimmt schon alles gesehen. Ihre Waffen waren Aktenvermerke und die Kurzwahltaste zum Rektor. Warum folgte sie einer ehemaligen Studentin? Das konnte nur einen persönlichen Grund haben. Dieser Gedanke machte Lu Angst. Frau Hasske zu konfrontieren, schien keine gute Idee zu sein. Was auch immer die Absichten der Sekretärin waren – einen Plan hatte sie offenbar. Und damit war sie Lu überlegen.
Die restliche Wartezeit verbrachte Lu in der Telefonzelle. Erst als der Zug am Horizont auftauchte, nahm sie ihren Rucksack, lief zurück zum Gleis und stieg in den letzten Wagen der Regionalbahn ein. Frau Hasske wählte den ersten. Offenbar hielt die Sekretärin es für unnötig, Lu im Auge zu behalten, da sie ihr Reiseziel ohnehin kannte.
Alle paar Minuten hielt der Zug an kleinen Bahnhöfen. Lu hätte aussteigen können, kurz vor der Abfahrt in letzter Sekunde aus der Tür springen, so dass Frau Hasske es nicht mehr hinterherschaffte. Aber was dann? Alles über den Haufen werfen, den Job nicht antreten, zurück nach Hause fahren und wieder Joghurteis verkaufen oder Telefonumfragen durchführen? Nein. Lu zog den Reißverschluss ihrer Jacke bis obenhin zu. In zehn Minuten würden sie in Herzroda eintreffen. Lu war noch nie in Thüringen gewesen, doch Schlupflöcher und Geheimwege gab es überall, und die aufzuspüren, beherrschte sie wie keine andere.
In Herzroda stellte Lu erleichtert fest, dass sie und Frau Hasske nicht die Einzigen waren, die ausstiegen. Zwei Afrikaner, die identische Mützen mit Ohrenklappen trugen, eine Asiatin und ein blondes Mädchen, das im Gothic-Stil geschminkt war, verließen ebenfalls den Zug. Als schon das Signal zum Schließen der Türen erklang, stolperte noch eine Gruppe großer Jungs heraus. Jeder von ihnen hatte einen Koffer und eine Plastiktüte dabei, in der Flaschen klirrten.
»Scheiße, schon wieder hier«, sagte einer. »Auf die nächsten Monate in diesem Kaff.«
»Ich vermisse Berlin jetzt schon«, lallte ein anderer.
»Ludwiga Neubert?«
Ein junger Mann kam auf Lu zu. Er hatte ihren Namen fragend ausgesprochen, aber bevor Lu antworten konnte, streckte er ihr seine Hand hin und sagte: »Willkommen in Herzroda, ich bin Johannes Meyer, das Empfangskomitee.«
»Hallo.«
Lu schüttelte seine Hand. Sie hatte sich ohne Foto beworben und nur ein Telefoninterview mit dem Direktor des Instituts für Medienwissenschaft geführt. Niemand an der Technischen Universität Herzroda hatte je ihr Gesicht gesehen. Aber wahrscheinlich kannte dieser Johannes alle anderen und war darum sicher, dass es sich bei der einzigen fremden Person um Lu handelte.
Frau Hasske hatte hinter den hochgewachsenen Afrikanern versteckt den Bahnsteig überquert und verbarg sich nun hinter der Tafel mit den Abfahrtszeiten, die am Bahnhofsgebäude stand. Ein Teil ihres Wollhuts schimmerte darüber hervor.
»Nett, dass du mich abholst«, sagte Lu.
Sie lief vor, als sei sie ortskundig. Sicherlich hatte Johannes vor dem Bahnhofsgebäude an der Straße geparkt. Der junge Mann folgte ihr.
»Nicht alle Taxifahrer kennen unser Institut, und die Straße ist auch gerade umbenannt worden. Man muss sagen, dass man zur alten Porzellanfabrik will.«
Johannes hatte eine laute Stimme, und Lu drehte sich nervös um. Konnte Frau Hasske seinen letzten Satz noch gehört haben?
»Oder soll ich dich erst mal in deine Wohnung bringen?«, fragte Johannes.
Wie gerne hätte Lu dazu Ja gesagt.
»Erst mal zum Institut. Ich habe noch nichts gefunden und fahre später ins Hotel. Ist nicht leicht, zum Wintersemester eine Wohnung zu bekommen, oder?«
»Tja.« Johannes seufzte. »Wir sind eine kleine Stadt und platzen aus allen Nähten. Bitte hier in meine Limousine einzusteigen.«
Er blieb neben einem Golf stehen, der in Schlammfarbe lackiert war, schloss die Beifahrertür für Lu auf und verfrachtete ihren Rucksack in den Kofferraum. Lu schnallte sich an und sah in den Rückspiegel. Keine Spur von Frau Hasske. Als Johannes den Motor startete und das Auto auf die Straße lenkte, atmete Lu erleichtert aus. Sie hatte einen Vorsprung gewonnen, den es nun auszubauen galt. Wenn sie das nächste Mal auf die Sekretärin traf, musste sie einen Schlachtplan haben. Sie passierten einen Supermarkt, eine Plattenbausiedlung und eine Tankstelle. Zu ihrer Linken folgten ein Gewerbegebiet und mehrere Autohäuser, dann verließen sie das Stadtgebiet und zu beiden Seiten der Straße standen nur noch Bäume.
»Wir residieren ein bisschen ab vom Schuss«, erklärte Johannes. »Das Institut ist jung und auf dem Campus war kein Platz mehr. Aber keine Sorge, es gibt einen Bus, der stündlich bis zum Marktplatz fährt. Und wenn du dir ein Fahrrad besorgst, kannst du eine Abkürzung durch den Wald zur Uni nehmen. Das ist eine viel kürzere Strecke als mit dem Auto.«
Er bog in eine kleinere Straße ab und auf einen Parkplatz ein. Wo Platz für hundert Autos gewesen wäre, stand nur etwa ein Dutzend Fahrzeuge. Hinter einem Zaun ragte das Fabrikgebäude auf. Lu sah Wände aus Waschbeton und zerbrochene Fensterscheiben. Der Teil, in dem anscheinend die Fertigungshallen untergebracht gewesen waren, erstreckte sich über zweihundert Meter. Teilweise war dort das Dach eingestürzt. Links daneben stand ein Verwaltungsgebäude, das besser erhalten war. Zwar wuchs auch hier neben dem gepflasterten Weg das Gras meterhoch, aber die Treppe, die zum Eingang führte, wirkte neu. Lu und Johannes stiegen aus.
»Lass mich deinen Rucksack tragen«, sagte Johannes. »Viel Gepäck hast du ja nicht.«
»Die Bücherkisten kommen nach«, sagte Lu.
Das war gelogen, für ihre neue Arbeit hatte sie sich nur ein einziges Fachbuch besorgt: »Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten«. Sie würde Sprechstunden für Studenten abhalten und ihnen helfen, in ihren Hausarbeiten korrekt zu zitieren. Zwar hatte sie bis vor Kurzem selbst nicht gewusst, wie man das machte, aber auf diesem Gebiet gab es Vorschriften, die man nur nachzulesen brauchte. Zwar hielt sich Lu nicht gern an Regeln, aber andere dazu zu bringen, sollte kein Problem sein. Schließlich würde man sie dafür bezahlen und ihr die Möglichkeit geben, sich an einer Universität aufzuhalten, und Universitäten liebte sie. Da wehte dieser Geist von Freiheit und Ungebundenheit und überall war so viel Wissen, das man aufsaugen konnte – wenn man wollte. Lu hatte bis jetzt nicht gewollt, aber über die Möglichkeit zu verfügen, fand sie schön.
»Alte Industriegebäude haben so was Romantisches«, sagte sie zu Johannes.
»Sag das noch mal, wenn du am Schreibtisch kalte Füße bekommst, weil es durch die Fensterrahmen zieht. Wenigstens wurde bis jetzt noch kein Asbest gefunden.« Er schien zu überlegen. »Aber vielleicht sollten wir darauf hoffen, dann kämen wir schneller woanders hin.«
Inzwischen hatten sie das Tor erreicht. In einem Häuschen saß ein Sicherheitsmann, der Johannes zur Begrüßung zunickte und sich dann wieder in ein Kreuzworträtsel vertiefte.
»Muss man sich anmelden, wenn man ins Institut möchte?«, fragte Lu.
Johannes winkte ab. »Wenn du nicht gerade einen Baseballschläger dabei hast oder mit Spraydosen klapperst, lässt Werner dich rein. Viel kaputt machen kann man hier ohnehin nicht mehr. Ich glaube, Werner sitzt vor allem zur Zierde da.«
Sie erklommen die Stufen zum Eingang und traten durch Flügeltüren ins Innere des Gebäudes. Die Flure waren mit Linoleum ausgelegt, das alt wirkte. Die Wände dagegen, strahlten blendend weiß, und es lag sogar noch ein schwacher Duft nach frischer Farbe in der Luft.
»Riecht nicht wie ein Provisorium«, sagte Lu.
»Schönheitsreparaturen sind billig. Aber über kurz oder lang wollen wir natürlich auf den Campus ziehen. Möglicherweise beschweren wir uns nicht laut genug. Viele Lehrkräfte sind nur für ein oder zwei Semester da, bevor sie weiterziehen. Unser Institut ist ein Sprungbrett, ob du es glaubst oder nicht.«
Lu wollte das gern glauben. Wohin würde sie springen? Vielleicht an eine altehrwürdige englische Uni, wo man rudern und mit royalem Nachwuchs Tee trinken konnte. Ja, das könnte ihr gefallen.
Johannes führte sie in den ersten Stock und öffnete die Tür zu Zimmer 108.
»Dein Vorgänger, Felipe Barreto ist nach Spanien gesprungen … hossa.« Er stellte Lus Rucksack in den Türrahmen und stieß einen unverständlichen Fluch aus. »Der hätte ja wohl aufräumen können! Tut mir wirklich leid.«
Das kleine Zimmer war bis auf einen schmalen Gang, der zu einem Schreibtisch führte, vollkommen zugestellt. Links gab es eine mit gelbem Kord bezogene Couch, rechts eine klapprig wirkende Schrankwand, die bis obenhin mit Büchern gefüllt war. Nur dort, wo Platz für den Fernseher gewesen wäre, hatte Felipe einen Kühlschrank platziert. Den immerhin, schien er geleert und saubergemacht zu haben. Ein Lappen hielt die Tür einen Spaltbreit offen und sorgte für Belüftung. An der Außenwand hinter dem Schreibtisch wurde das Fenster von Regalen eingerahmt, die sich unter dem Gewicht weiterer Bücher bogen. Und Papier war auch sonst überall: in Aktenordnern auf dem Boden und in ungehefteten Stapeln auf dem Schreibtisch.
Lu legte den Kopf schief, um die Schrift auf den Bücherrücken zu entziffern. Es gab spanische Titel, aber die Mehrzahl war auf Englisch geschrieben. Dies sah aus wie das Büro von jemandem, der wie besessen recherchierte und las.
»Perfekt!«, entfuhr es Lu.
»Wir finden eine Lösung«, sagte Johannes, der ihre Äußerung offenbar für Sarkasmus hielt. »Ich frage schnell die Sekretärin, ob noch irgendwo etwas anderes frei ist.«
»Nein«, Lu hielt seinen Arm fest. »Das Büro ist wunderbar. Ich kann vielleicht ein paar der Dinge gebrauchen. Und für den Rest rufe ich einfach einen Entrümpler.«
»Wirklich?«
»Klar!«
Zur Bekräftigung ließ sie sich auf das Sofa fallen.
Danke, Felipe, sagte sie in Gedanken. Ich werde mich in dich verwandeln. Die Studenten, die in meine Sprechstunde kommen, werden bis auf die Person hinter dem Schreibtisch alles unverändert vorfinden. Niemand wird merken, dass ich mir den größten Teil meines Wissens erst auf der Zugfahrt hierher angelesen habe.
Übermütige Freude überfiel Lu. Manchmal bekam sie Angst vor ihrer eigenen Courage und befürchtete, das wacklige Konstrukt aus Halbwahrheiten und Tricksereien, auf denen sie ihr Leben aufbaute, könnte zusammenbrechen. Aber regelmäßig tauchten, wie vom Himmel geschickt, hilfreiche Leute auf. Diesem unordentlichen Spanier würde sie bei Gelegenheit Schokolade schicken.
»Also, wenn du meinst …«
Johannes wirkte erleichtert.
»Absolut!«
Lu sprang wieder auf, um hinter dem Schreibtisch Probe zu sitzen. Da zu beiden Seiten Kartons mit Aktenordnern ein Durchkommen verhinderten, schwang sie sich über die Tischplatte. Erst jetzt bemerkte sie, dass es keinen Stuhl gab. Eine Sache hatte der Spanier also doch mitgenommen.
»Bloß eine Sitzgelegenheit bräuchte ich noch.« Lu öffnete das Fenster weit und atmete tief ein. »Was für gute Luft. Und ich habe Waldblick, wie schön.«
Ihr Büro ging nach hinten raus. Links hörte sie den Verkehr auf der Landstraße, aber zu sehen war von den Autos nichts. Nur ein Wanderpfad kam zwischen den Bäumen hervor und führte um das Fabrikgelände herum.
»Um zum Campus oder zum Bahnhof zu gelangen, folge einfach dem Weg«, sagte Johannes. »Im Winter gibt es da sogar eine Langlaufloipe. Wenn du an Weihnachten zu deiner Familie reist, kannst du auf Skiern zum Zug fahren.«
Zwischen dem Grün der Pflanzen bewegte sich etwas Rotes. Lu schlug das Fenster zu. Wenige Sekunden später war Frau Hasskes ganze Gestalt zu sehen. Sie schwang die Arme und lief mit großen Schritten. Ihr Gepäck hatte sie offenbar am Bahnhof gelassen.
»Ist dir nicht gut?«, fragte Johannes. »Du siehst blass aus.«
»Die Reise … ich muss wohl doch mal ausruhen.«
»Ich kann dir das Hotel Fichte empfehlen. Das wurde erst vor zwei Jahren renoviert und liegt zentral.«
»Klingt super«, sagte Lu und krabbelte wieder über den Schreibtisch.
Es klang gar nicht super. Wahrscheinlich würde Frau Hasske dort absteigen, und die Aussicht, die Sekretärin beim Frühstücksbuffet zu treffen, war wenig verlockend. Lu beschloss, im Büro zu übernachten. An der Uni gab es schließlich keine festen Arbeitszeiten, und die jungen Wissenschaftler standen vermutlich erst gegen Mittag auf und arbeiteten dann bis spät in die Nacht. Niemand würde sich daran stören, wenn Lu heute Abend noch einmal wiederkam, im Gegenteil, man würde sie für besonders eifrig halten. Bewacht von Werners Nachtschichtkollegen könnte sie inmitten von Felipes Hinterlassenschaften sicher schlafen. Jetzt musste sie aber erst Frau Hasske wieder weglocken und Proviant besorgen. Mit Essen und Trinken bewaffnet, würde sie dann zurückkehren und sich eine Strategie überlegen, um ihre Verfolgerin loszuwerden.
»Wann genau fährt der Bus in die Stadt rein?«, fragte Lu.
Johannes sah auf die Uhr. »Der Nächste kommt um 16 Uhr, also in einer halben Stunde. Aber ich kann dich oberhalb vom Marktplatz absetzen, wenn du möchtest.«
»Das wäre toll.« Lu nahm das Portemonnaie aus der Außentasche ihres Rucksacks und steckte es ein. »Fahren wir.«
»Hast du kein Handy?«, fragte Johannes.
»Nein«, sagte Lu. »Wozu? Ich mache keine Aktiengeschäfte oder so was. Ich muss nicht immer erreichbar sein.«
»Ich frage nur, weil ich eine Studie über Technikdiffusion durchführe«, sagte Johannes.
Sie verließen das Büro und er reichte Lu den Schlüssel. Sie schloss zweimal herum und rüttelte prüfend an der Klinke.
»Was bedeutet das konkret?«, fragte Lu.
Sie hatte sich gemerkt, dass Wissenschaftler diese Floskel benutzten, um nicht zuzugeben, dass sie kein Wort verstanden hatten. Inzwischen waren sie auf der Treppe, und Johannes, der vorging, blieb abrupt stehen. Beinahe wäre Lu über ihn gestolpert und hätte sie beide zu Fall gebracht. Johannes Augen strahlten.
»Ich baue zum Beispiel so etwas.«
Er griff an seinen Gürtel. Daran war ein Lederetui befestigt, dem er ein graues Ding von der Größe einer Kassettenhülle entnahm.
»Das ist eine Kombination aus Taschenlampe und Pager.«
Er schob einen Schalter nach vorn und beleuchtete das Treppengeländer. Dann drehte er das Ding auf die Seite und zeigte Lu ein Display.
»Ich lasse das Versuchspersonen für einige Tage mit sich herumtragen. Ein integrierter Zähler misst, wie oft sie die Taschenlampe und wie oft die Pager-Funktion nutzen. Das verrät mir, welche Technik wichtiger ist.«
»Wow.«
»Möchtest du mitmachen?«
Johannes streifte die Tasche von seinem Gürtel und hielt sie Lu zusammen mit dem Gerät hin.
»Du hast kein Handy und wüsstest mit Hilfe des Pagers immer, wann dich jemand anrufen wollte.«
»Warum nicht?« Da Lu auf Johannes Fahrdienst angewiesen war, glaubte sie, seine Bitte nicht abschlagen zu können. »Aber der Pager muss erst auf meine Büronummer eingestellt werden, oder?«
»Ist er schon.« Johannes lächelte verlegen. »Ich habe auf dich gehofft. Die anderen Kollegen sind schon ziemlich genervt von mir.«
»Ich probiere es gern aus.«
Lu nahm das Gerät und die Tasche und ging an Johannes vorbei die Treppe hinunter. Sie erreichten den Parkplatz vor Frau Hasske. Erst als sie mit dem Auto wieder auf die Landstraße rollten, erspähte Lu im Rückspiegel die Sekretärin, die um die Ecke des Zauns bog. Während der Fahrt redete Johannes pausenlos. Lus Einwilligung, Versuchsperson zu sein, musste in ihm überbordende Dankbarkeit ausgelöst haben. Er verriet ihr einen Geheimtipp nach dem anderen: wo man die beste Thüringer Bratwurst bekam (am Grillstand vor dem Schwimmbad), wann im Kino die Sneak-Preview lief (dienstagabends) und was man am Wochenende machte (den Zug nach Erfurt nehmen, haha). Diese Informationen rauschten durch Lus Kopf, ohne hängenzubleiben. Sie merkte sich bloß den Rat, den Johannes ihr gab, als sie ausstieg. Die steile Gasse dort links hinunter zum Marktplatz zu nehmen, hinter dem Rathaus rechts abzubiegen und den kleinen Weinladen an der nächsten Ecke zu besuchen. Dort gäbe es nicht nur feine Tropfen, sondern auch alles, was Neuankömmlinge in dieser Stadt brauchten.

2

Skeptisch betrachtete Lu fünf Minuten später die Auslage des empfohlenen Geschäfts. Im Schaufenster stand eine einzelne verstaubte Holzkiste, die, der Aufschrift zufolge, einmal Merlot enthalten hatte. In einem gesplitterten Brett der Kiste steckte ein Schraubenzieher wie ein Schwert, das auf seinen Kampfeinsatz wartete. Über der Ladentür prangte der Schriftzug »Wein Cremer« in wackligen Holzbuchstaben, die wirkten, als habe sie jemand in einem dunklen Hobbykeller ausgesägt.
»Immer rein da, Lieferservice gibt’s nicht.«
Ein schwarzgekleideter Mann stapfte an Lu vorbei und stieß die Tür auf. Sein Kopf verschwand unter einer verfilzten Pelzmütze.
»Ich weiß noch nicht, ob ich etwas kaufen will«, murmelte Lu.
Doch wieder gehen wollte sie auch nicht.
Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn ich mich an den düsteren Ecken der Stadt herumtreibe, dachte Lu. Dies ist keine Adresse, die die Touristeninformation empfehlen würde, und das Risiko, dass Frau Hasske hier aufschlägt, ist wahrscheinlich gering.
Also folgte sie dem Mann in den Laden. Im Inneren wurde eine Wand von Weinregalen ausgefüllt. Ihnen gegenüber wartete italienische Feinkost auf Käufer.
»Kann ich helfen?«, fragte eine helle Stimme.
Hinter dem Kassentresen stand ein Mädchen. Es war etwa zehn Jahren alt und sortierte Münzen von der Ablage in eine Geldkassette. Darin schien es Übung zu haben, denn während seine Finger mit den pink lackierten Nägeln flink arbeiteten, sah es nicht nach unten, sondern in Lus Gesicht.
»Ich bin gerade erst angekommen und mein Kühlschrank ist leer«, sagte Lu. »Habt ihr Brot?«
»Ciabatta.« Die Kleine kam um den Tresen herum und holte einen Weißbrotlaib aus einem Weidenkorb. »Salami, Käse und Oliven dazu? Und wir haben diese Woche eingelegte Artischocken im Angebot.«
»Klingt gut«, sagte Lu.
Das Mädchen nickte, sammelte alles ein und legte es auf den Tresen.
»Dazu empfehle ich den Montepulciano«, ratterte es herunter. Es redete, als ob es ein langes Gedicht aufsagte, und sein Erinnerungsfaden abreißen würde, wenn es zu langsam sprach. »Wasser löscht den Durst ja nicht. Und kennen Sie unseren Donnerstagabend? Ein Kräuterlikör. Mal probieren?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, lief es zu einem Plastikfässchen und zapfte daraus bernsteinfarbene Flüssigkeit in ein Schnapsglas.
»Wohlsein!«
»Danke.«
Lu nahm das Glas entgegen. Wohlsein? Wer sagte noch so etwas? Aber da kam der fellbemützte Kunde mit jemandem aus dem Hinterraum, der wahrscheinlich der Ladenbesitzer war. Sie schleppten eine braune Tonne. Lu sah vom Kopf des Besitzers nur ein Ohr und einen Streifen grauen Haars. Wahrscheinlich war das der Großvater der Kleinen. Lu probierte den Likör. Er schmeckte wie Hustensaft.
»Warum heißt der Donnerstagabend?«, fragte sie.
»Ist ein Uni-Witz. Niemand mag zu den Vorlesungen am Freitag gehen, und manche Dozenten wollen an dem Tag darum keine halten. Für die fängt dann schon am Donnerstag das Wochenende an.« Das Mädchen wechselte wieder in den Verkaufsmodus und setzte hinzu: »Der Likör enthält Blütenhonig für die Stimme, Baldrian für die Nerven und Sanddorn für die Abwehrkräfte. Alles, was eine Professorin braucht.«
»Oh, ich bin keine Professorin.«
»Aber Sie wollen eine werden, oder?«
»Na ja, vielleicht später mal.«
Wenn mir keine Sekretärin in die Quere kommt, dachte Lu und setzte das Glas noch einmal an, um den Gedanken an Frau Hasske fortzuspülen.
»Schon klar, das dauert«, sagte das Mädchen.
Inzwischen hatten der Besitzer und der mit der Fellmütze die Tonne auf einer Sackkarre neben dem Tresen abgestellt.
»Sechzig Liter Kübelware, Ingo«, sagte der Besitzer. »Macht wie immer hundert Mark, bitte.«
Er richtete sich auf und lockerte seine Schultern. Erstaunt hielt Lu in ihrer Trinkbewegung inne. Der letzte Tropfen des Likörs rann ihr aus dem Mundwinkel.
Der Besitzer war nicht alt, sondern höchstens Mitte zwanzig. Sie sah jetzt, dass das Grau in seinem schwarzen Haar nicht echt sein konnte. Die helleren Bereiche an den Schläfen waren klar abgegrenzt, als habe jemand sie mit einer Schablone gefärbt. Bei näherem Hinsehen hatte das Grau einen Stich ins Blaue. Seine Haut war gebräunt, aber nicht wie von einem Sommerurlaub. Vielmehr besaß er den erdigen Teint von jemandem, der das ganze Jahr über viel im Freien ist. Er trug ein zerknittertes weißes Hemd und unter den aufgerollten Ärmeln sah Lu kräftige Muskeln. Der Ladenbesitzer wirkte wie jemand, der körperlich arbeitete, ohne es aber so zu übertreiben, dass man von Schuften sprechen konnte. Er hätte Skilehrer sein können oder in einem früheren Jahrhundert Postkutschenräuber. Auf einer Lichtung im Wald hätte er sich von der Sonne bescheinen lassen, wäre lässig aufgestanden, wenn sich auf dem Weg die Kutsche näherte, hätte ein Säckchen Gold geraubt, und danach wieder wochenlang dem süßen Nichtstun gefrönt.
»Habe ich Dreck im Gesicht?«, fragte er.
»Nein«, Lu fühlte, wie ihre Wangen warm wurden. »Und ich wollte auch gerade gehen. Ihre Enkelin ist ein richtiges Verkaufstalent. Ähm …«, ihr wurde noch heißer, »ich meine, Ihre Tochter. Also, ich zahle dann jetzt ja?«
Das Mädchen kicherte. »Nadine muss deine Haare wieder dunkel machen.«
»Warum?«, der Mann zwinkerte. »Ich bin auf Seniorenrabatte aus, Carla.«
Zu Lu sagte er: »Die Friseurinnen um die Ecke brauchen immer Versuchskaninchen. Sie wollten blondieren, aber ich fand es besser, seriöser auszusehen. Das kann ja nicht schaden. Also lieber grau. Aber du darfst mich trotzdem duzen. Ich bin vierundzwanzig. Martin.« Er streckte die Hand über den Tresen.
»Lu«, Lu schüttelte seine Hand. »Da hast du aber früh angefangen.«
Kaum hatte sie das gesagt, wäre sie am liebsten auf die Straße gerannt. Martin grinste breit. Wahrscheinlich glaubte er, dass sie sich gerade im Detail die Zeugung seiner Tochter ausmalte. Peinlich!
»Hör mal weg, Carla.« Martin hielt dem Mädchen die Ohren zu und raunte: »Wir hatten ja kein Westfernsehen hier. Und irgendwie mussten wir die Zeit totschlagen.«
»Warum auch nicht«, sagte Lu.
Bloß raus hier!, dachte sie und kramte nach ihrem Portemonnaie. Sie würde nichts Intelligentes mehr über die Lippen bringen. Martin hatte sie aus der Fassung gebracht.
Glücklicherweise schien er das Thema nun fallen zu lassen. Murmelnd addierte er die Preise ihrer Einkäufe, nannte die Summe und packte alles in eine Tüte.
»Wie hast du zu uns gefunden?«, fragte er. »Hat uns jemand empfohlen?«
»Johannes Meyer.«
»Ah. Wir haben nämlich ein Bonussystem. Carla, schreib Johannes einen Punkt auf.«
»Der hat schon wieder fünf zusammen«, sagte Carla. »Aber der Asti ist leer. Soll ich Kübelwasser in eine leere Flasche umfüllen?«
»So was würden wir doch nicht machen!« Martin riss die Augen auf. »Verrücktes Kind!«
»Was ist dieses Kübelwasser?«, fragte Lu.
»Wein für die Studentenclubs«, sagte Carla. »Billige Reste. Wir nennen es so, weil sie es runterkübeln wie Wasser.«
»Geh jetzt Hausaufgaben machen«, sagte Martin.
Murrend verzog Carla sich ins Hinterzimmer.
»Du bist also die neue Kollegin von Johannes?« Martin wollte Lu anscheinend noch nicht gehen lassen. »Was machst du so?«
Heiße Luft produzieren, hätte Lu am liebsten geantwortet. Täuschen, blenden und hoffen, dass ich überzeuge. Eigentlich sollte ich das können, denn in den letzten Jahren, in denen ich alles Mögliche getan habe, außer, das zu studieren, wofür ich eingeschrieben war, besuchte ich unter anderem eine Schauspielschule. Die Bühne wäre meine Welt, wenn man nicht diese Unmengen an Text auswendig lernen müsste. Ich finde, professionell zu lügen, muss sich lohnen. Für den Esel, den ich im Sommernachtstraum spielen sollte, hätte ich vor jeder Vorstellung zwei Stunden in der Maske sitzen müssen. Wenn man zu dieser Zeit noch die vielen Abende hinzuzählt, die mich das Auswendiglernen meiner Zeilen gekostet hätte, ist das doch unverhältnismäßig viel Aufwand. Dann lieber einen echten Esel auf die Bühne stellen und Shakespeares Worte von einem Sprecher lesen lassen. Leider haben alle über diesen Vorschlag gelacht und waren froh, dass ich einer Fleißigeren die Rolle überlassen habe. Und so werde ich es hier auch machen. Wenn es zu kompliziert wird, verschwinde ich einfach wieder. Also stell mir nicht zu viele Fragen, Herr Weinladenbesitzer. Mach mir keinen Stress.
Aber hatte Martin das vor? Vielleicht wollte er nur Small Talk betreiben.
»Ich bin Beraterin für wissenschaftliches Arbeiten«, sagte Lu. »Hab die Stelle kurzfristig bekommen, weil jemand anderes abgesprungen ist. Morgen ist mein erster Tag.«
»Dann will ich dich nicht aufhalten, du hast sicher noch viel zu erledigen.«
»Ja, stimmt«, Lu nahm die Tüte mit den Einkäufen in die Hand.
Aus welcher Richtung bin ich noch mal gekommen?, überlegte sie. Wenn ich auf die Straße trete, sollte ich mich zielstrebig bewegen. Frau Hasske hat mich nicht verfolgt, aber wenn ich Pech habe, treffe ich sie trotzdem. Das hier ist eine kleine Stadt, und ich bin im Zentrum. Was soll ich machen, wenn Frau Hasske mir plötzlich gegenübersteht? Ich laufe jetzt zur nächsten Bushaltestelle, fahre zurück ins Institut und schließe mich im Büro ein, wo ich einen Plan schmiede. Halt, den Bus zu nehmen, wäre dumm. Sollte Frau Hasske mir nicht in die Stadt gefolgt sein, hat sie bestimmt die Ankunftszeiten des Busses an der alten Fabrik notiert, um mich bei meiner Rückkehr abzupassen. Also ein Taxi nehmen? Das erkennt man auch schon von Weitem. Ich brauche ein unauffälliges Auto, das mich bis direkt bis vor das Wachhäuschen fährt.
Lu stellte die Tüte wieder ab. Martins Gesicht wirkte offen und freundlich. Was hatte Johannes gesagt? »Er hat alles, was du brauchst.« Doch der Laden war klein. Ein Supermarkt bot tausendmal mehr Auswahl. Demnach konnte diese Formulierung nur bedeuten, dass es hier Dinge gab, die nicht frei verkäuflich waren. Drogen? Falsche Papiere? Waffen? Filmchen für spezielle Vorlieben? Sie hatte bei Johannes ja wohl hoffentlich nicht den Eindruck erweckt, solche Dinge zu benötigen. Nein, sie drehte langsam durch. Johannes hatte wahrscheinlich nur ausdrücken wollen, dass Martin bei Problemen half. Die halbe Uni schien bei ihm ein- und auszugehen, trotzdem war Martin selbst nicht Teil dieser Kreise. Stattdessen panschte er Wein. Lu konnte ihm vertrauen. Sie musste. Einen Verbündeten brauchte sie dringend.
Lächelnd fragte sie: »Du könntest mich nicht zufällig zurück zur alten Fabrik fahren, wenn du hier fertig bist?«
»Doch, sicher. Du musst aber noch eine Weile warten. Wir schließen erst um sechs.«
Lu sah auf die Uhr. Bis dahin waren es noch eineinhalb Stunden.
»Wenn du Arbeit dabei hast, kannst du so lange das Denkerkabuff mieten.«
Martin deutete mit dem Daumen auf eine schmale Tür rechts neben dem Durchgang zum Hinterzimmer. Sie war übertapeziert und Lu deshalb bislang nicht aufgefallen.
»Gern«, sagte sie.
Das »Denkerkabuff« stellte sich als fensterlose Abstellkammer heraus, die von einer nackten Glühbirne beleuchtet wurde. Ein Klappstuhl stand vor einem an der Wand befestigten Tisch. Auf der Tischplatte lief ein Computer und produzierte dabei ein föhnähnliches Geräusch.
»Der Letzte hat ihn nicht ausgeschaltet. Aber dann ist wenigstens schon eingeheizt.« Martin rückte Lu den Stuhl zurecht. »Vor Semesterende ist das Kabuff regelmäßig für Wochen im Voraus reserviert. Hier gibt es keine Ablenkung, und das ist genau, was du brauchst, wenn du eine Hausarbeit endlich zu Ende schreiben musst. Viel Spaß.«
Er legte Lu eine Hand auf die Schulter. Noch, als er schon längst den Raum verlassen hatte, meinte Lu, die Berührung seiner Finger zu spüren.
Martin musste glauben, dass sie mit ihm flirten wollte. Natürlich. Das war die naheliegende Erklärung für ihre Bitte, von ihm gefahren zu werden. Junge Frauen, die nach so etwas fragten, beabsichtigten in der Regel nicht, sich in einem neutralen Auto vor einer Verfolgerin zu verstecken, um dann am Ziel die Beifahrertür aufzureißen, ins Gebäude zu sprinten und sich in ihrem Büro zu verschanzen. Junge Frauen, die chauffiert werden wollten, obwohl es eine Busverbindung gab, hatten einen Abschiedskuss oder mehr im Sinn.
Lu rutschte in ihrem Stuhl zurück und schaltete das Licht aus. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Alles, was es brauchte, war die richtige Geschichte. Lu war ein Neuankömmling auf der Suche nach Anschluss und Abenteuer. Das Gefährlichste, was ihr zustoßen konnte, war, von Antipasti eine Knoblauchfahne zu bekommen. Der Computerlüfter sorgte für lauen Südseewind. Die Anspannung der letzten Stunden fiel von ihr ab und sie schlief ein.
Wieder geweckt wurde sie von einem Finger, der sich unsanft in ihre Schulter bohrte.
»Aufwachen«, sagte Carla. »Feierabend! Hier wegzupennen hat noch niemand geschafft. Wir haben extra den unbequemsten Stuhl hingestellt, den wir hatten.«
»Ich habe nachgedacht«, murmelte Lu.
»Das sag ich auch immer.«
Martin wartete schon an der Ladentür und klimperte mit dem Schlüsselbund. Sein Auto parkte vor der Tür. Er wollte Carla, die sonst vorne zu sitzen schien, nach hinten verbannen, aber Lu protestierte erfolgreich und behauptete, als Beifahrerin werde ihr regelmäßig übel. In Wahrheit glaubte sie, auf der Rückbank besser vor Blicken von außen geschützt zu sein.
Carla plapperte die ganze Fahrt über. Als die alte Fabrik in Sichtweite kam, sagte sie, sie habe vor, sich für drei Wochen vom Unterricht befreien zu lassen, um in Frankreich bei der Weinlese zu helfen.
»Darüber sprechen wir noch«, sagte Martin. »Die Direktorin wird das erstens nicht erlauben und zweitens stellt dich auch niemand ein. Ich glaube, du darfst in deinem Alter noch gar nicht richtig arbeiten.«
»Ich bin jeden Tag im Laden.«
»Das ist etwas anderes.«
»Dann eben nach Italien.«
»Was würde das ändern?«
»Oder in die Pfalz.«
»Hä?«
»Bitte!«»
»Du kannst bei mir Wein lesen.«
»Nie im Leben erholen sich die Reben noch mal.«
»Und ob. Es sind Trauben dran.«
»Drei oder vier winzige.«
»Hier dauert die Reife eben länger als im Süden.«
Martin bog auf den Parkplatz der Fabrik ein.
»Du hast einen Weinberg?«, fragte Lu.
»Einen kleinen. Schau ihn dir mal an, wenn du magst. So, hier sind wir.«
»Ja, das würde ich gern machen. Kannst du bitte bis zum Wächterhäuschen fahren? Ich habe einen kaputten Fuß.«
Martin ließ das Auto noch ein Stück weiter rollen. Lu öffnete die Seitentür.
»Vielen Dank. Ich komme wieder bei euch vorbei.«
Sie sprang aus dem Wagen, knallte die Tür zu und sprintete, die Einkäufe in der Tüte unter den Arm geklemmt, Richtung Eingang. Dem verdutzten Werner, der gerade sein Häuschen für einen Kollegen räumte, winkte sie mit der freien Hand zu. Auf der Treppe fiel ihr die angebliche Fußverletzung wieder ein, und sie humpelte zwei Schritte. Dann ließ sie sich von dem nach Putzmittel riechenden Gebäude verschlucken, fand durch halbdunkle Flure den Weg zu ihrem Büro und schloss sich ein. Sie zog die Jacke aus, streifte die Schuhe von den Füßen und fiel auf das Sofa. Eine halbe Stunde lang versuchte sie, in dem Buch über wissenschaftliches Arbeiten zu lesen, konnte sich aber nicht konzentrieren und gab schließlich auf. Sie deckte sich mit einem fleckigen Überwurf zu, den sie unter dem Sofa fand, legte als zusätzliche Schicht eine Luftpolsterfolie darüber und überließ sich dem Schlaf. In dem Traum, den sie in dieser Nacht hatte, jonglierte sie mit Büchern und sprach fließend Spanisch.