Stand-In

Stand-In

Was, wenn du die bessere Version von jemandem sein kannst?

EBook für 2,99€ bei Amazon, Hugendubel, Thalia, Weltbild und anderen.
Taschenbuch bei Amazon für 9,99€ oder über den Buchhandel bestellbar.

Leseprobe

1988
JOLEEN

Heute hat sich eine Tür geöffnet. Ich bin aber noch nicht durchgegangen. Erst will ich wissen, ob sie in den Himmel oder in die Hölle führt. Oder ob es gar keine richtige Tür ist, sondern nur eine optische Täuschung, wie die, die jemand an die Garagenwand in der Tulpenstraße gesprayt hat.

Frau Oblomow sagt immer: Wer seine Hausaufgaben macht, der wird sich vor Chancen nicht retten können. Auf den prasseln die Möglichkeiten nieder, wie die Pflastersteine, die die Punks am ersten Mai werfen. (Den zweiten Satz habe ich dazu erfunden.)

Sorry, ich komm vom Thema ab. Ich bin so aufgeregt. Zurück zu heute Nachmittag! Ich mache meine Hausaufgaben. Ich glätte mir die Haare, schminke mich dezent und ziehe meinen schwarzen Overall an. (Für den war es eigentlich zu heiß, aber er ist meine Uniform des Monats.) Wenn ich rausgehe, will ich nicht wie eine aus dem Asi-Viertel aussehen. Es reicht, dass ich eine aus dem Asi-Viertel bin. Mama hat mir eine ganze Palette Gin Tonic in Dosen besorgt. Seit sie mit dem neuen Macker zusammen ist, dessen Namen ich mir nicht merken will, wartet sie immer ungeduldig darauf, dass ich nach der Schule wieder verschwinde. Ich denke mir, okay, Sex ist wenigstens umsonst und sie kann dabei nicht rauchen. Die Qualmerei ist blöd für Robin, der wächst ja noch.

Heute Nachmittag habe ich mir gerade eins von den guten Gläsern aus dem Schrank genommen und mit dem Drink der Queen of England gefüllt, als der Macker die Küche betritt.

Er sagt: »Warum so kompliziert? Dose ansetzen, Kopf in den Nacken und ab dafür.«

Ich rümpfe die Nase und ignoriere ihn. Wenn du nicht mit Stil trinkst, ist es bloß saufen. Und das tue ich nicht, weil ich einen halbwegs klaren Kopf brauche, wenn mich eine fette Chance trifft. Ich leere mein Getränk ohne Eile und mache noch etwas langsamer als sonst, weil der Macker vor Ungeduld so lustig von einem Fuß auf den anderen tritt.

Um vier Uhr verlasse ich den Block. Der Wind hebt mein Haar wie einen Vorhang. Ich bin die Königin des Stiefmütterchenpfads und auf dem Weg zum Einkaufszentrum. Das ist kein royales Ziel, aber etwas Besseres haben wir nicht in Laufweite, und ich will dort zum Reformhaus und mir Studentenfutter kaufen. Das macht nicht nur schlau, sondern ist auch gut für die Nägel.

Ich überlege gerade, ob ich mir auch noch eine Schokosojamilch gönnen soll, als mich auf der Straße ein schwarzer Mercedes überholt und zehn Meter vor mir eine Vollbremsung macht. Eine Frau steigt aus. Sie trägt eine Hose mit Bügelfalte, eine weiße Bluse und ein Tuch stewardessenmäßig um den Hals geknotet.

Ich sage: »Der Golfplatz ist noch eine Ecke weit weg, aber wenn ich fahren darf, bringe ich Sie hin.«

Nein, das will sie nicht. Sie kommt näher und sieht mir in die Augen, und zwar nicht romantisch, sondern wie der Arzt bei der Schuluntersuchung.

»Grün mit braunen Einsprengseln« , sagt sie. »Das passt wunderbar.«

Um nicht wie ein Opfer dazustehen, schnuppere ich an ihrem Tuch und sage: »Roma von Laura Biagotti.«

Die Drogerie im Einkaufszentrum ist einer meiner Lieblingsorte.

»Loulou« , verbessert sie mich. »Aber du warst nah dran. Hast du getrunken?«

»Ein bisschen. Schickt Sie Frau Oblomow?«

Die Frau scheint nachzudenken. »Nein. Eine Oblomow ist nicht in meiner Kartei. Darf ich?«

Und dann kneift sie mich in den Oberschenkel. Ich ramme ihr meine Faust in den Solar Plexus. Sie krümmt sich und schnappt nach Luft.

»Du machst Kampfsport?« , ächzt sie.

»Ich gehe manchmal zu einem Selbstverteidigungskurs für Mädchen. Ist aber nichts Regelmäßiges.«

»Fühlt man. Deine Muskulatur ist schwach entwickelt. Das lässt sich mit einer dicken Reithose kaschieren. Schon mal auf einem Pferd gesessen?«

Darauf fällt mir nun echt keine coole Antwort ein. Pferde sind für mich Aliens. »Nee« , sage ich darum nur.

»Macht nichts. Falls wir dafür jemanden brauchen, kann ich mich immer noch umsehen. Aber trinken kannst du, oder? Du bist keine, die nach ein paar Champagnern nur noch lallt?«

»Ich trinke grundsätzlich nur, nachdem ich alles für die Schule erledigt habe. Und nur ein Glas. Man gewöhnt sich sonst daran, wissen Sie?«

Das findet sie lustig. Ihr Lachen erinnert an Wiehern. »Und ob ich das weiß« , sagt sie, als sie sich wieder eingekriegt hat. »Ich merke, dass du ein Mädchen mit Prinzipien bist. Wie darf ich dich überhaupt nennen?«

Kurz überlege ich, Katharina oder Astrid zu sagen, doch dann würde sie sich vielleicht wieder amüsieren.

»Joleen.«

»Joleen, meine Liebe. Ich will deine Zeit nicht länger beanspruchen und zum Punkt kommen. Meine Agentur vermittelt Doppelgänger.«

Wow!

»Kim Basinger?« , frage ich. »Hab schon oft gehört, dass ich der zum Verwechseln ähnlich sehe.«

»Nein, im A-Promi-Sektor bewegen wir uns nicht. Uns buchen Leute wie du und ich. Aber Genaueres würde ich gern mit dir in meinem Büro besprechen. Ruf mich heute noch an, wenn du Interesse hast.«

Sie gibt mir ihre Karte, ein dickes, gestanztes Ding, weich wie Samt, mit goldener Schrift. »Ich hoffe, wir hören uns, Joleen.«

»Mal sehen« , sage ich.

Danach kann ich nicht mehr ins Einkaufszentrum gehen. Ich brauche Ruhe, um Nachzudenken, und laufe ziellos herum. Irgendetwas muss an der Sache faul sein. Wieso sollten normale Leute einen Doppelgänger buchen? Und vor Allem: Wie viel könnten sie dem bezahlen? Wenn der für sie zur Arbeit geht, würde er für sie malochen, aber nur einen Teil ihres Geldes bekommen. Gleiche Arbeit, weniger Lohn, und die Differenz sackt der Schlaue ein, der die Idee hatte. Um das zu verstehen, muss man nicht aufs Gymnasium gehen. Ist das also bloß ein Ausbeutungsangebot? Aber die Karte! Etwas Schöneres aus Papier hab ich noch nie besessen.

Während ich grübele, komme ich wieder bei unserem Block an. Die Flügel, die mir der Gin Tonic verliehen hat, sind wieder in meine Schulterblätter zurückgeschrumpft, und ich fühle mich schlapp. Ich gehe zurück in die Wohnung. Die Tür zum Schlafzimmer ist geschlossen. Robin sitzt im Wohnzimmer vor der Glotze und heult. Sein Ghostbusters-T-Shirt ist von oben bis unten voll Rotz. Im ersten Programm läuft eine Reportage, in der Wale abgeschlachtet werden.

»Warum guckst du den Dreck?« , rufe ich und schalte schnell auf RTL.

»Die essen die Wale« , weint er. »Und ich hab auch Hunger. Die Cornflakes sind leer.«

Mein Herz blutet, als hätte da jemand eine Harpune reingerammt. Die Jacke des Mackers hängt über der Sofalehne. Ich nehme alle Scheine aus seiner Geldbörse, 35 Mark, und sage zu Robin: »Komm.«

Wir laufen zu Aldi. Dort kaufe ich Schokoriegel, Gummibärchen, Cornflakes und H-Milch. Von den Billigmarken bekommt man für 35 Mark eine Menge Kleinejungsfutter. Als wir unsere Einkäufe auf das Kassenband laden, stellt sich hinter uns eine Frau mit dicken Armen an. Sie hat nur einen Becher Sahne in der Hand, schnaubt mir in den Nacken und rückt ziemlich dicht auf. Ich dreh mich nicht um, und vor lasse ich sie erst recht nicht. Jetzt sind wir dran. Bei jedem Teil, das die Kassiererin über den Scanner zieht, murmelt die Dicke was von »armselig« , »verwahrlost« oder »Fall fürs Jugendamt« .

Ich denk mir: Aber dafür bist du hässlich.

Das hätte ich laut aussprechen sollen, denn draußen ist mir schlecht vor geschluckter Wut. Robin wird gleich auch schlecht werden, ich muss ihn davon abhalten, alles sofort aufzuessen.

»Zwei Riegel nur« , sage ich. »Den Rest verstecken wir. Das sind nämlich Vorräte und die wirst du brauchen, wenn ich weg bin.«

Genau in diesem Moment habe ich etwas beschlossen.

Hinter dem Spielplatz breche ich den Plastikbehälter für das Streusalz auf und lege die Tüte hinein. Morgen will ich eine Kette und ein Vorhängeschloss besorgen, damit Robin nicht beklaut wird. Danach rufe ich die Pferde-Frau an. Man muss sehen, wo man bleibt, hat Oma immer gesagt. Und wenn die Tür ein Fake ist, finde ich die Frau und nehme ihr alle Visitenkarten weg. Weil die echt märchenmäßig schön sind.

PATRIZIA

Aufwachen ist immer unangenehm, aber auf Sylt ist es ein bisschen weniger schlimm. Ich strampele die verschwitzte Decke von meinem Körper, suche nach einer kühlen Stelle auf dem Kissen und freunde mich mit dem Gedanken an, nicht mehr einschlafen zu können. Mit noch halb geschlossenen Augen wanke ich auf den Balkon und lasse mich von einer frischen Sommerbrise beleben. Nichts hilft besser gegen einen Kater als Meeresluft.

Hinter mir höre ich Schritte. Erst glaube ich, Morten sei von seinen Morgenbahnen im Hotelpool zurück, doch er würde mich sanfter an den Schultern fassen, und einen Bademantel würde er mir auch nicht überwerfen. Morten findet, meinen Körper zu verhüllen, sei eine Schande, weil er das Vollkommenste ist, das er je gesehen habe. Was den gestrigen Abend betrifft, erinnere ich mich nicht mehr an viel, aber dieses Kompliment ist mir noch gegenwärtig.

»Zieh dir was an« , zischt Mutter. »Herrgott!«

Sie stößt mich zurück in die Suite und drückt mich auf die Chaiselongue. Eine Wolke von Haarspray und Chanel No. 5 umhüllt mich. Ich sage Mutter ständig, ihr Parfum ist ein einziges Klischee.

»Wie kommst du rein?« , frage ich.

»Mit einem Schlüssel.«

Sie schiebt den Champagnerkübel auf dem Tisch beiseite, um ihre Handtasche abzustellen. Das Kokstütchen direkt zu ihren Füßen ignoriert sie. Das ist ohnehin fast leer. Mir ist ihre Anwesenheit trotzdem nicht Recht. Es wird Zeit, dass ich einundzwanzig werde, Zugriff auf den Treuhandfonds bekomme und meine Rechnungen selber bezahle. Dann nimmt mich das Personal hoffentlich für voll und gesteht mir etwas Privatsphäre zu.

»Ich habe eine Lösung für dich gefunden« , sagt Mutter.

»Habe ich ein Problem?«

»Du bist das Problem. Dein Verhalten. Wir können nicht riskieren, dass du uns auf dem Sommerfest der Firma blamierst.«

»Meinetwegen.« Ich lege wirklich keinen Wert auf die Veranstaltung. »Aber warum sollte ich dann unbedingt herkommen? Du weißt genau, wie gern ich mit Clarisse nach Südafrika geflogen wäre.«

»Ich hatte Hoffnung. Irgendwann musst du schließlich erwachsen und vernünftig werden. Doch offenbar täuschte ich mich. Diese Zeit ist noch nicht gekommen.«

»Morten war betrübt, weil er die Jacht gegen den Felsen gesetzt hat. Ich musste ihn aufmuntern. Du sagst doch immer, wir sollten auch zurückgeben. Adel verpflichtet.«

»Deine Exzesse kannst du meinetwegen fortführen. Ich habe nur eine Bedingung: Verlasse bis morgen Abend die Suite nicht.«

»Nicht mal zur Hotelbar darf ich?«

»Nein. Was du brauchst, kannst du dir bringen lassen.« Sie deutet auf das Tütchen und seufzt. Klingt, als hätte sie aufgegeben. »Ich lasse dich jetzt weiterschlafen.«

»Deine Lösung ist Hausarrest? Wie bürgerlich.«

»Der Hausarrest ist nur eine notwendige Begleiterscheinung. Aber dir Details zu erklären, wäre verschwendete Liebesmüh. Du hast uns mehr als deutlich gezeigt, dass dir die Firma und unsere Reputation egal sind. Dabei lebst du von unserem Erfolg. Die Zeiten, da wir Leibeigene hatten, sind vorbei.« Mutter sieht aus, als würde sie das bedauern. »Eine Sache noch: Bitte halte dich weiterhin an das Keine-Fotos-Gebot.«

»Ich dachte, das gilt nur für die Presse.«

Vater hat vor Jahren gerichtlich erwirkt, dass mich niemand ohne die Zustimmung meiner Erziehungsberechtigten ablichten darf. Mein »seelischer und gesellschaftlicher Reifungsprozess« solle nicht gestört werden. Wie lange diese Jugendschutzregelung gilt, ist nicht explizit formuliert. Ich finde sie praktisch, weil sie mir ermöglicht, wild und bedenkenlos zu feiern. Andere Jugendliche haben petzende kleine Geschwister, Unsereins fürchtet, von Klatschreportern verraten zu werden.

»Richtig, ursprünglich sollte es die Journaille auf Abstand halten« , sagt Mutter. »Aber es kommt uns momentan sehr gelegen, wenn niemand dein genaues Aussehen kennt.«

Mutter klemmt sich die Handtasche unter den Arm und schreitet zur Tür, wo sie beinahe mit Morten zusammenstößt. Er ist in Boxershorts und trägt ein Tablett mit einer Schüssel Milchreis. Wie ich ihn kenne, ist er nach dem Schwimmen direkt in die Hotelküche marschiert und hat nach Frühstück verlangt. Bei dem Versuch, Mutter auszuweichen, stolpert er. Zwar fängt er sich wieder, doch nun hängt Milchreis in seinem Brusthaar. Mutter würde normalerweise eine spitze Bemerkung machen. Bei Witzen auf Kosten anderer kann sie nicht widerstehen. Das sind die einzigen Gelegenheiten, bei denen wir gemeinsam lachen. Doch Mutter geht wortlos an Morten vorbei. Sie muss mich wirklich aufgegeben haben.

ENDE DER LESEPROBE

Advertisements