Unter Unter den Linden

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Im Jahr 2120 gibt es an der Ostseeküste kaum noch Menschen. Mit ihren fünfzehn Jahren kennt Julia außer ihrer Familie bloß eine Handvoll Nachbarn. Internet und Verkehrsnetze sind längst zusammengebrochen. Nur der gelegentliche Besuch eines Boten oder Händlers bringt Nachrichten aus dem Rest des Landes.
In der Hoffnung auf ein besseres Leben gehen Julia und ihre Familie nach Berlin. Aber die Hauptstadt verfällt ebenfalls. Immerhin kann Julia die Schule besuchen. In der Abschlussklasse trifft sie auf Tim und seine Freunde und erfährt von einem geheimen Ort, an dem die Stadt weiterlebt: Unter Unter den Linden. Ihn zu erreichen, ist gefährlich und eine Rückkehr ungewiss.
Tim bereitet sich seit Jahren auf den Abstieg dorthin vor und will Julia mitnehmen. Was hat sie zu verlieren? Sie sieht ihre Eltern scheitern und schließt sich ihm an.

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Rezension: spannender und zum Denken anregender Roman mit einer sehr ernsten Themengestaltung (elves read books)

Leseprobe

1 Kühles Wasser

Zweite Hütte nördlich von Günzow, September 2120

Julia umwickelte ihre Stiefel mit Lappen, um leise laufen zu können. Sie war allein in der Hütte zurückgeblieben und wollte kein Geräusch, das von draußen hereindrang, überhören. Vögel sangen, das Laub der Bäume raschelte im Wind und der nahegelegene Bach rauschte.
Der Morgen war noch kalt, doch Julia machte kein Feuer, weil der Rauch ihre Anwesenheit verraten hätte. Vorbeiziehende Räuber sollten glauben, dass die Hütte verlassen war. Viel zu stehlen gab es auch wirklich nicht. Das Gold war versteckt, und die Vorräte für den Winter lagerten in einem gut verborgenen Erdloch.

Julia setzte sich an den Tisch und nahm eine Bluse zur Hand, die gestopft werden musste. Als sie die Nadel am Rand des Risses einstach, hörte sie ein Trappeln. Sie lauschte. Keine Hufeisen, es musste sich um einen Esel handeln, und er näherte sich auf dem Pfad, der aus Günzow kam. Doch Julias Mutter Anne und ihre Schwester Josephina waren mit ihrem Tier erst vor einer halben Stunde in die entgegengesetzte Richtung aufgebrochen.
Julia verstaute die Handarbeitssachen in der Truhe, um nicht den Eindruck eines überstürzten Aufbruchs zu hinterlassen, und eilte hinaus. Zwischen der Hütte und dem Bach stand ein Ahornbaum. Julia kletterte hinauf, setzte sich auf den dritten Ast von unten und lehnte ihren Rücken gegen den Stamm. Unter dem Klang der Eselshufe war noch ein anderes, gleichmäßiges Geräusch. Rollende Räder. Eine Kutsche? Je mehr Personen, desto schlechter.
Die dichte Blätterkrone schützte Julia vor Blicken, beschränkte aber auch ihre eigene Sicht. Den Mann sah sie deshalb erst, als er die Lichtung vor der Hütte erreichte und nur noch einen Steinwurf weit vom Baum entfernt war. Lange Haare, abgetragene, jedoch saubere Kleidung, und die Hand, die den Esel führte, war schmal und ohne auffällige Narben. Der Mann war weder Bauer noch Kämpfer. Über den Karren, der von dem Esel gezogen wurde, hatte er eine Decke gebreitet. Darunter zeichnete sich die Ladung ab. An einer Ecke schaute eine Kiste hervor, die Julia bekannt vorkam. Sie gehörte Piet, einem Tüftler, der auf einem Traktor mit einem Tank voll stinkendem Öl diesen Teil der Ostseeküste abfuhr und Post verteilte.
Für eine warme Mahlzeit reparierte Piet Haushaltsgegenstände, und nachdem er reichlich von dem Schnaps getrunken hatte, den Anne brannte, löste sich seine Zunge und er berichtete, welche Neuigkeiten er auf seinen Touren aufgeschnappt hatte. Seit keine Zeitungen mehr gedruckt wurden, waren die Erzählungen von Piet und reisenden Händlern die einzige Möglichkeit, zu erfahren, was draußen in der Welt vor sich ging.

Der Fremde ließ Esel und Karren stehen und klopfte gegen die Tür der Hütte.

»Hallo?«, rief er.

Julia streckte den Arm nach oben und ertastete den Bogen, der am Rest eines abgebrochenen Zweiges hing. In einem Köcher, der mit einem Seil am Stamm festgebunden war, steckten zwei Pfeile.

»Jemand da?« Nun umrundete der Mann die Hütte.

Er spähte in die Fenster und blieb verdächtig lange an der Rückseite der Hütte verschwunden, wo das Brennholz gestapelt war. Julia und Anne hatten im Frühling einen umgestürzten Baum zersägt. Es war die Arbeit von Tagen gewesen. Doch als der Mann wieder in Julias Sichtfeld kam, hielt er nichts in den Händen. War er eine ehrliche Haut? Oder kundschaftete er, um später mit Verstärkung zurückzukehren und den Holzvorrat mitzunehmen? Fremden durfte man nicht trauen.

Der Mann fasste den Esel am Halfter und führte das Tier in einem Bogen zurück zum Pfad. Dabei holperte der Karren über eine Wurzel und die Ladung klirrte. Sollte die Kiste eine Nachricht für Julia und ihre Familie enthalten, würde sie nun auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Der Mann hatte eine vergebliche Tour unternommen und würde nicht wiederkommen.

Julia hängte den Bogen zurück. Wenn sie dem Mann bewaffnet entgegentrat, würde er ahnen, dass sie allein war und Angst vor ihm hatte. Sie kletterte vom Baum hinunter, schlich zu einem Busch und schlüpfte durch die raschelnden Zweige. Der Mann sollte glauben, sie sei gerade eben erst zurückgekehrt.

»Hallo!«, rief sie.

Der Fremde drehte sich um.

»Na, also. Hab mir gleich gedacht, dass ihr nicht weit sein könnt.« Er holte einen Brief aus der Kiste und brachte ihn Julia. »Bist du allein?«

Die Augen mit der Hand vor der Sonne beschirmend, sah er an ihr vorbei zu der leeren Eselsweide. Julia nahm den Brief und straffte ihre Schultern. Fremden durfte man nicht trauen, doch das galt für beide Seiten. Auch der Bote wusste nicht, ob er einer hilflosen 15-Jährigen gegenüberstand oder einer verzweifelten Einsiedlerin, die für neue Vorräte töten würde. Seit Polizisten nur noch als Figuren in Kindergeschichten vorkamen, musste jeder auf sich selbst aufpassen.

»Meine Mutter und meine Schwester sind im Wald, Pilze und Brennholz suchen«, sagte Julia. »Aber sie können jeden Moment zurückkommen. Wo ist Piet?«

»Verstorben.« Der Bote schien darüber nicht traurig zu sein. »Ich habe seine Tour übernommen und bereue es jetzt schon. Kauf mir Dosen ab. Allein für die Post nehme ich keine Tagesreise auf mich.«

»Zu unseren nächsten Nachbarn, den Bialeckis, ist es nur ein Stundenritt.«

»Meinst du die, die in dem Baumhaus gelebt haben? Die sind fort.«

»Sie haben sich nicht verabschiedet.«

»Tja. Vielleicht haben sie sich einem Trupp angeschlossen und mussten schnell zusammenpacken.«

Er entnahm dem Karren einen Karton mit zehn Dosen Bohnen, abgefüllt in einem Land, dessen Schrift Julia nicht lesen konnte. Darauf legte er noch zwei Packungen Trockenfleisch.

»Ich würde lieber …«, begann Julia.

»Ist das Einzige, was ich habe. Das macht ein halbes Gramm Gold, Fräulein.«

»Moment.«

Julia steckte den Brief in ihre Blusentasche und lief mit den Waren zurück zur Hütte. Drinnen versicherte sie sich mit einem Blick aus dem Fenster, dass ihr der Bote nicht gefolgt war. Neben den Kräutertöpfen am Herd stand eine verbeulte Gießkanne. Julia schraubte den doppelten Boden ab und holte zwei glänzende Plättchen Gold heraus. Jedes wog ein Viertelgramm.

Was für einen Trupp konnte der Bote meinen? Arbeiter, Räuber oder freie Soldaten? Waren solche in der Gegend? Fragen würde nichts kosten, die Antwort hingegen schon.

Julia zögerte. Wenn sie dem Boten Gold für Informationen bot, würde er ihr mit Freuden Geschichten über Menschen auftischen, die er unterwegs gesehen hatte, aber was davon stimmte, konnte Julia nicht überprüfen. Nein, für Lügen wollte sie nichts ausgeben. Sie würde sich damit begnügen, dass wieder jemand verschwunden war. Das Land leerte sich. Ihre Mutter sagte, sie gäbe der Küstenbevölkerung noch zwei Generationen bis zum Aussterben.

Als Julia wieder nach draußen trat, tränkte der Bote gerade seinen Esel am Bach. Zufrieden lächelnd nahm der Mann Julias Bezahlung entgegen.

»Ihr habt auch einen Esel?« Er deutete auf einen Kothaufen.

»Der ist mit in den Wald gegangen.«

»Mit dem Rest der Familie, wie? Dem weiblichen Rest.« Der Bote schüttelte den Kopf. »Welcher Mann lässt seine Familie zurück?«

Plötzlich schien Julias Bauch mit Steinen gefüllt zu sein. Stumm wartete sie, bis der Bote seinen Weg fortsetzte.

Wie leichtsinnig es von ihrem Vater gewesen war, seinen Namen auf den Umschlag zu schreiben und damit zu verraten, dass er weit fort war! Absender: Bela Liedecke, Adressatin: Anne Liedecke, Kreis Günzow. Aufgegeben worden war der Brief vor drei Wochen.

Julia drehte ihn in den Händen. Seit ihr Vater aus Berlin schrieb, hatte er nichts Positives berichtet, und Julia fürchtete, dass schlechte Neuigkeiten ihre Mutter wieder einmal in den Zustand versetzen würden, in dem sie kaum die Kraft fand, morgens aufzustehen, das Essen verweigerte und nur das Nötigste sprach.

Julia befeuchtete einen Fingernagel mit Speichel und versuchte, die verklebte Falz des Umschlags zu lösen. Zwar wurde der Leim wieder flüssig, aber gleichzeitig drohte das dünne Papier, zu reißen. Julia gab auf. Sollte sie den Brief einfach öffnen und in den Bach werfen, falls er schlechte Nachrichten enthielt?

Doch was, wenn ihr Vater Gutes berichtete? Dann würde sie ihrer Mutter den Brief zeigen wollen und müsste zugeben, ihre Post geöffnet zu haben. Julia ging in die Hütte und schob den Brief unter den Flickenteppich ihres Zimmers. Sie würde abwarten, in welcher Stimmung ihre Mutter am Abend wäre, und dann entscheiden.

Josephina und Anne kehrten erst zurück, als die Nacht schon dämmerte und Regen einsetzte. Endlich wagte Julia, Feuer zu machen. Aus drei Kartoffeln und einer Handvoll Erbsen kochte sie eine dünne Suppe.

Begleitet vom Prasseln der Tropfen an die Fenster, löffelten sie das Abendessen. Josephina, rotwangig und mit vom Wind zerzaustem Haar, prahlte damit, wie sie auf Anhieb die Stelle wiedergefunden hatte, an der die Steinpilze wuchsen. Mit ihren elf Jahren lebte sie in den Tag hinein und sorgte sich wenig. Dagegen hatte Anne zuerst die Weckgläser aus dem Schrank geholt. Am nächsten Tag würde sie die Pilze einkochen. Die Ausbeute war gut gewesen. Anne strich Josephina über den Kopf und nannte sie ihr Trüffelschweinchen. Josephina grunzte und alle drei lachten.

»Papa hat geschrieben«, sagte Julia in die Heiterkeit hinein.

Sie stand vom Tisch auf und brachte ihrer Mutter den Brief.

Anne starrte den Umschlag an, als handele es sich um ein tollwütiges Eichhörnchen, das jeden Moment attackieren könne. Josephina hielt die Spannung nicht lange aus. Sie riss den Brief an sich, zerfetzte den Umschlag, zerrte einen gefalteten Papierbogen heraus und hielt ihn ihrer Mutter unter die Nase. Anne seufzte und ließ ihren Blick über die Zeilen gleiten. Aus ihrer Miene sprach nur die übliche Resignation. Als sie am Ende des Briefs angekommen zu sein schien, runzelte sie die Stirn.

»Wir sollen nachkommen.«

»In die Hauptstadt?« Julias Stimme kiekste vor Aufregung.

»Er hat nun eine Wohnung dort.«

»Das ist ja toll! Wenn er etwas gemietet hat, will er bleiben. Bestimmt hat er inzwischen Arbeit. Wir können uns anmelden und Josephina und ich können zur Schule gehen und Blumen im Garten pflanzen und -«

»Von einem Garten steht hier nichts. Dass Bela für die Zimmer bezahlt, möchte ich auch bezweifeln. Er spricht davon, die Wohnung ‚organisiert‘ zu haben.«

»Ist doch egal. Hauptsache, dort gibt es Platz für uns. Ich vermisse Papa so! Wann brechen wir auf?«

»Liebes, Berlin ist weit. Zu Fuß bräuchten wir zwei Wochen. Und wir wissen kaum etwas über die Gebiete, die wir passieren müssen. Möglicherweise sind sie verlassen wie unsere Gegend. Aber wenn nicht … Im Freien zu übernachten wäre viel zu gefährlich.«

»Wir laufen nach Günzow und tauschen dort den Esel und alles, was wir nicht mehr brauchen, gegen ein Auto«, sagte Julia.

»Guter Plan«, rief Josephina.

Anne funkelte ihre ältere Tochter wütend an. Entschuldigend zuckte Julia mit den Schultern und begann, den Tisch abzuräumen. In der letzten Nacht, die ihr Vater bei ihnen verbracht hatte, hatte sie durch eine Ritze in der Wand einen Streit ihrer Eltern verfolgt. Anne hatte Bela einen Glücksritter geschimpft. Über seine Entscheidung, nach Berlin zu gehen, war sie außer sich gewesen. Auf keinen Fall wollte sie allein mit der Arbeit auf dem Feld zurückgelassen werden, während ihr Mann nach Möglichkeiten für ein besseres Leben suchte. Bela zeigte sich unbeirrt vom Zorn seiner Frau. Seine Überlegungen kreisten schon um Details. Unter anderem äußerte er die Idee mit dem Auto, mit dem sie nachkommen konnten. Als Anne zornig wurde und ihn schüttelte, hielt er sie nur fest und sagte, an der Ostsee hätten sie keine Zukunft. Seit Jahren kämpften sie ums Überleben. Zwar hatten sie dank des Feldes meist genug Essen für sich selbst, aber zum Verkaufen blieb selten etwas übrig. Ohnehin lohnte es sich nicht, mit dem Esel und ein paar Rüben und Kartoffeln tagelang über das Land zu ziehen, zu den wenigen Bewohnern, die es in der Gegend noch gab. Zwei Tagesritte in Richtung Osten wohnte ein betagter Arzt, den sie einmal aufgesucht hatten, als Julia unter Schüttelfieber litt. Aber lebte er noch? Da er außerhalb von Piets Einzugsgebiet gewohnt hatte, wussten sie das nicht.

Anne faltete den Brief wieder zusammen.

»Lasst es uns wagen«, sagte sie.

»Juchhu!« Josephina hüpfte durch das Zimmer, packte ihre Schwester bei den Händen und wollte mit ihr einen Freudentanz aufführen.

»Sollen wir heute noch packen?«, fragte Julia.

»Tun wir das«, sagte Anne. »Die Tage werden schon merklich kürzer, und ich will den Winter nicht mit euch allein hier verbringen.« Leise fügte sie hinzu: »Denn eines steht fest: Bela wird nicht zurückkommen.«

Seit Julias letztem Besuch in Günzow war der Ort weiter verfallen. Bis auf eine verschroben wirkende Schneiderin und eine Bauernfamilie lebte nur noch der Schmied dort, der den Schrottplatz betrieb. Er nahm den Esel in Augenschein, zählte das Silberbesteck und drehte den Füllfederhalter, ein Erbstück von Belas Mutter, zwischen seinen rußgeschwärzten Fingern.

»Viel ist das nicht«, sagte er.

»Aber viel für jemanden, der dieses Jahr wahrscheinlich noch keine Kundschaft hatte«, sagte Anne.

»Auch wahr. Ich hätte da noch etwas für euch, das fährt.«

Er führte sie zu einem Auto, das zusammengeflickt wirkte. Über den hinteren Türen klaffte jeweils ein Spalt, durch den Julias Arm passte.

»Ein Mercedes Kombi«, sagte Josephina, die ein Buch über historische Fahrzeuge besaß und den Stern entdeckt hatte, der an den Seitenspiegel gelötet worden war.

»Mercedes, BMW, sogar Jaguar ist mit drin«, sagte der Schmied. »Ich habe so ziemlich jedes Modell verbaut, was einmal begehrt und teuer war. Die Auswahl wird leider immer geringer, seit es keinen Lack mehr gibt. Die billigeren Marken sind schon verrostet und zerbröselt.«

Anne deutete auf das Dach des Wagens. »Kein Solarpanel?«

Der Schmied schüttelte den Kopf. »Dafür birgt der Kofferraum ein Geheimnis.«

Er öffnete die Heckklappe.

»Akkus?«, fragte Anne.

»Dreihundert Stück, vollständig aufgeladen.«

Julia blickte zwischen den Erwachsenen hindurch. »Aber das sind die billigen, die, die explodieren können.«

»Bei den kleinen besteht keine Lebensgefahr«, sagte der Schmied. »Es knallt ein bisschen und stinkt, mehr nicht. Dieses Modell ist weit verbreitet. Ihr werdet kein Problem haben, die Akkus auszutauschen, wenn sie leer sind. Aber wenn ihr gemächlich fahrt, solltet ihr damit bis Berlin kommen.«

»Was kann explodieren?«, fragte Josephina.

Bei Krach hörte ihre kindliche Furchtlosigkeit auf. Sommerliche Gewitternächte verbrachte sie als zitterndes Häufchen Elend im Bett ihrer Mutter.

»Gar nichts«, sagte Julia. »Weißt du was? Ich lass dich heute vorne sitzen.«

Sie luden den Sack mit ihren Habseligkeiten auf die Rückbank hinter den Fahrersitz. Viel hatten sie nicht mitgenommen. Da waren die Dose mit Zahnputzsalz, die mechanische Nähmaschine und Kleidung. Als Proviant hatten sie Äpfel, Nüsse und einen Laib von dem Brot eingepackt, den Anne jede Woche aus dem Mehl von wildwachsendem Einkorn buk. Jedes der Mädchen hatte zudem seine Lieblingsbücher dabei.

Zum Abschied klopfte Josephina dem Esel auf die Flanke. Als sie ins Auto gestiegen war, flüsterte Julia ihrer Mutter zu: »Er wird ihn doch nicht schlachten, oder?«

»Sicher nicht«, flüsterte Anne zurück. Doch überzeugend klang es nicht.

Sie rollten durch das Tor des Schrotthofs. Anne lenkte das Auto an Schlaglöchern vorbei aus dem Ort heraus. An einem halbüberwachsenen Straßenschild saß ein Hund, reglos wie eine Statue.

Josephina schrak zusammen. »Habt ihr den bemerkt? Sah der wild aus! Wie ein Wolf.«

»Wahrscheinlich hat er bloß Hunger.« Julia biss sich auf die Unterlippe, kaum hatte sie die Worte ausgesprochen.

Die Befürchtung ihrer kleinen Schwester war leicht zu erraten. Der Hund würde den Esel wittern, ihn aufspüren und möglicherweise noch andere streunende Artgenossen holen. Zusammen würden sie warten, bis der Schmied das Tier alleinließ, über es herfallen und ihre Fangzähne in sein Fleisch schlagen.

»Gleich kommt ein Schwimmbad«, sagte Julia.

Ihre Mutter dreht sich zu ihr um und tippte sich an die Stirn.

»Doch, ich erinnere mich daran«, beharrte Julia. »Eine halbe Stunde Fahrt von hier gibt es eines.«

»Du warst doch noch nie …«, begann Anne.

»Mit Papa, es ist Jahre her.«

»Können wir dort anhalten?«, fragte Josephina. »Gibt es auch ein Drei-Meter-Brett? Ich bin noch nie von einem gesprungen, aber ich würde mich trauen.«

»Klar würdest du«, sagte Julia. »Ist ganz leicht. Du musst dich nur gerade halten.«

Josephina nickte eifrig und wippte auf ihrem Sitz. Vergessen war der Esel, wenigstens für den Moment. Julia lehnte ihren Kopf an die wacklige Stütze hinter sich und schloss die Augen, um den Blicken zu entgehen, die ihre Mutter ihr durch den Rückspiegel zuwarf, jeder von ihnen ein stummer Vorwurf.

Julia bereute ihre Lüge nicht. Wenn kein Bad käme, hätte Josephina wenigstens die Vorfreude gehabt und sie selbst den Kitzel der Ungewissheit. Hin und wieder war ihr Leben gefährlich, aber die meiste Zeit über passierte gar nichts. Außerdem war es nicht ausgeschlossen, dass sie eine Gelegenheit zum Schwimmen bekämen. In dieser Gegend gab es viele menschenleere Dörfer, und in den letzten Wochen war reichlich Regen gefallen. Ein gefliestes Becken würde brusthoch gefüllt sein.

Julia sog Luft ein.

Wenn es mir gelingt, den Atem anzuhalten und bis fünfzig zu zählen, kommt ein Bad.

Bei dreißig wurde ihr schwindelig, bei vierzig musste sie keuchend Atem holen. Verloren. Aber sie besaß noch ein Glückspfand. Anders als Josephina hatte sie nur zwei Bücher in ihren Beutel gepackt. Den übrigen Platz hatte sie für etwas gebraucht, das sie einmal einem fahrenden Händler abgekauft hatte, ohne zu wissen, wann sie es würde gebrauchen können.

Das Auto wurde langsamer.

»Deine Schwester hat nicht zu viel versprochen«, sagte Anne zu Josephina. »Willkommen im Wasserpark Hasenheide.«

Julia öffnete die Augen und klatschte in die Hände. Ihr Päckchen Chlorgranulat würde endlich zum Einsatz kommen. Sobald ihre Mutter angehalten hatte, stieg sie aus und lief mit ihrer Schwester vor. Durch hohes Gras bahnten sie sich ihren Weg. Sie kamen an einem ehemaligen Spielplatz vorbei, erkennbar nur noch durch eine verrostete Rutsche und eine sandige Stelle. Am Rand des Beckens blieb Julia stehen und präsentierte ihrer Schwester das Granulat wie einen Schatz. Mit der großen Geste einer Magierin ließ sie es ins Becken rieseln, brach einen Ast von einem nahen Bäumchen ab und verrührte das sich auflösende Pulver. Josephina beobachtete die Prozedur fasziniert.

»Wofür ist das gut?«

»Zur Desinfektion, Josi.«

»Aber das Wasser sieht sauber aus.«

»Der Händler hat gesagt, sie verwendeten Chlor, als noch hunderte Menschen täglich im Becken schwammen. Ohne Chemie hätten sich Krankheitskeime verbreitet.«

»Richtig.« Anne hatte sie inzwischen eingeholt. »Ruhr und Cholera, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was es früher Schlimmes gab.«

»Außerdem soll die Haut noch am nächsten Tag nach Chlor riechen«, sagte Julia. »Damit bleibt uns eine schöne Erinnerung.«

»Ach Kinder, ihr lebt in einer traurigen Zeit«, sagte Anne. »Wegen des Dufts von Sonnenöl und Pommes frites sollte man das Schwimmbad lieben.«

»Pomm?«, fragte Josephina.

»Ausziehen«, rief Julia. »Wer zuerst drin ist!«

Juchzend schälte sie sich aus ihrer Kleidung, blieb absichtlich an einem Hosenbein hängen, ließ Josephina gewinnen und sprang nach ihr in das Wasser, das ihr bis zur Schulter reichte. Sie tauchten, kreisten mit den Armen, paddelten mit den Beinen und hatten trotzdem nach wenigen Minuten blaue Lippen von der Kälte.

Als sie trocken und wieder angezogen im Auto saßen, fühlte sich Julia erfrischt bis in die Fingerspitzen. Sie passierten einen Sportplatz, aus dessen Tartanbahn Bäume wuchsen. Rechts folgte die Ruine einer riesigen Halle.

»Vielleicht war das einmal ein Olympiastützpunkt«, murmelte Anne.

»Was ist das?«, fragte Julia.

Ihre Mutter winkte ab. »Vorbei ist vorbei. Wenn ich euch ständig von Dingen erzähle, die es nicht mehr gibt, macht euch das nur traurig.«

»Tut es nicht«, sagte Josephina.

»Aber mich macht es traurig. Sehen wir lieber nach vorn. Was wisst ihr über Berlin?«

»Es ist die Hauptstadt«, sagte Julia.

»Was ist eine Hauptstadt?«, fragte Josephina.

»Die wichtigste Stadt des Landes.«

»Welche anderen wichtigen Städte gibt es denn?«

»Hamburg und Köln. Und noch eine im Süden.«

»München«, sagte Anne. »Aber von der habe ich schon lange nichts mehr gehört.«

»In Berlin wohnte früher die Regierung«, sagte Julia.

»Was ist eine Regierung?«, fragte Josephina.

»Die Regierung sind Leute, die bestimmen, was im Land gemacht wird.«

»Und jetzt gibt es die nicht mehr?«

»Keine Ahnung«, sagte Anne. »Aber falls es sie noch gibt, interessiert sie sich nicht mehr für die entlegenen Gegenden. Das hat auch sein Gutes. Meine Eltern mussten noch Steuern zahlen.«

»Was sind Steuern?«

Anne lachte. »Eine Sache, die niemand vermisst, und darum werde ich sie dir erst erklären, wenn es sie tatsächlich noch geben sollte. Du, meine Kleine, solltest dich lieber fragen, was man in der Schule tut.«

»Lernen«, sagte Josephina. »Weiß ich doch.«

»Glaubst du, ich kann mein Zeichengerät im Unterricht benutzen?« Julia zog ein flaches Kästchen aus ihrer Hosentasche, das in einer Gummihülle steckte. Auf der Vorderseite hatte es einen Bildschirm. Sorgfältig polierte Julia ihn mit dem Zipfel ihres Ärmels.

»Das glaube ich nicht«, sagte Anne. »Dein Gerät ist antik, solche werden nicht mehr produziert, seit das Internet eingestellt wurde. Entweder benutzen die Berliner Schüler neue Technik, oder sie schreiben auf Papier. Aber du kannst ja zuhause damit zeichnen. Mach einen Stadtplan. Wir werden Mühe haben, uns in Berlin zurecht zu finden. Dort gibt es unzählige Häuser und Straßen.«

2 Gleißende Helligkeit

In Berlin gab es vor allem unzählige verwaiste Baustellen. Anne musste langsam fahren, weil die Straßen oft abrupt von einer Grube unterbrochen wurden. Absperrband flatterte im Wind. Rohre, Steine und Zementsäcke lagerten am Rand. Gelegentlich sah man auch eine rostige Maschine herumstehen, doch die meisten Baustellen wirkten, als habe auf ihnen schon lange niemand mehr gearbeitet. Julia staunte. Zwar liefen nur wenige Menschen über die Gehwege, doch für jemanden, der außer seiner Familie oft monatelang nur den Boten sah, wirkte die Stadt wunderbar belebt. Aus einem geöffneten Fenster klang Musik. Julia drehte sich nach einem Jungen um, der auf einem Fahrrad an ihnen vorbeifuhr. So eines wollte sie unbedingt haben.

»Rechts oder links?«, fragte Anne. »Was steht in dem Brief?«

Julia las vor: »Der dreispurigen Straße bis zum Park folgen und dann rechts ab, bis zu einer Lagerhalle auf der linken Seite. Das nächste Haus ist es.«

Auf dem Beifahrersitz beugte Josephina sich vor, als könne sie dadurch das Auto beschleunigen.

»Ich sehe ihn!«, rief sie. »Da sitzt Papa!«

Bela Liedecke hockte auf einer Kiste und schrieb etwas in ein Notizbuch. Josephina versuchte, ihre Fensterscheibe herunterzukurbeln, aber nichts bewegte sich. Ungeduldig riss Josephina die Tür auf und schrie: »Hier sind wir!«

Beinahe wäre sie auf die Straße gestürzt. Anne schimpfte und fuhr rechts ran.

Bela wirkte dünner und seine Schultern schienen schmaler geworden zu sein, doch sein Lächeln war breit wie eh und je.

»Meine Damen!«

Er steckte das Notizbuch in seine Hemdtasche und eilte auf sie zu. Zuerst umarmte er Josephina, dann Julia und Anne. »Ich helfe euch ausladen.«

»Wir konnten nicht viel mitnehmen.« Anne zog den Sack aus dem Auto.

»Macht nichts. Die Wohnung ist möbliert. Folgt mir.«

Mit großer Geste winkte er sie zum Hauseingang. Durch eine türlose Öffnung im Mauerwerk gelangten sie in einen breiten Flur.

»Bemalte Steine!«, rief Josephina.

»Das sind Fliesen«, sagte Bela.

Sie stiegen die Treppen hinauf in den dritten Stock. Auf jeder Etage lagen zwei Wohnungen. Türen gab es nicht mehr.

»Kann hier jeder ein- und ausgehen?«, fragte Anne.

»Keine Angst, wir sind sicher.« Bela überwand die letzten zwei Stufen mit einem Sprung, holte einen Schlüssel hervor und sperrte eine Metalltür auf, die zu der linken der beiden Wohnungen führte. Er klopfte an das Blech. »Holz darf man nicht mehr verbauen. Alles was brennt, wird gestohlen.«

»Sind wir die einzigen Bewohner?«

»Als ich einzog, gab es ganz oben ein junges Paar, aber die beiden habe ich schon länger nicht mehr getroffen. Tretet ein.«

Von der Wohnung war Julia enttäuscht. Sie enthielt nichts Überraschendes, keine unbekannte technische Errungenschaft, keine kostbar wirkende Dekoration, nicht einmal etwas, das darauf hindeutete, dass die Einrichter der Wohnung mehr von der Welt gesehen hatten als Julia selbst. In den fünf hohen Räumen gab es nur die gleiche Mischung aus nicht zusammenpassenden Möbeln und zigmal geflickten Teppichen, wie in ihrer Hütte.

Bela führte seine Familie in die Küche. Von dort ging eine Glastür auf einen kleinen gemauerten Vorsprung hinaus, der von einem schmiedeeisernen Geländer eingefasst war. Zwei Stühle standen darauf.

»Ich präsentiere euch die wichtigsten drei Quadratmeter eures neuen Domizils«, sagte Bela. »Den Balkon.«

Anne blieb an der Schwelle stehen, streckte den Arm aus und stieß prüfend gegen das Geländer. »Wirkt wacklig.«

»Es ist bombenfest«, sagte Bela. »Ich garantiere für die Sicherheit meiner Kunden.«

»Welcher Kunden?«, fragte Josephina.

»Leute kommen her, um sich darauf zu sonnen«, sagte ihr Vater.

»Aber man kann doch auch einfach raus gehen.«

»Du kannst das. Doch nicht alle Menschen möchten gern gesehen werden. Und ich biete besonders scheuen Zeitgenossen die Möglichkeit, ungestört braun zu werden. Vitamin D ist lebenswichtig.« An Anne gewandt fügte er hinzu: »Ich verdiene gutes Geld.«

Seine Frau stieß ihn in die Seite. Anscheinend wollte sie ihn davon abhalten, vor den Kindern mehr zu verraten. Julia ärgerte es, wenn Erwachsene Geheimnisse vor ihr verbargen. Demonstrativ widmete sie sich ihrem Zeichengerät. Wenn sie glaubten, dass sie abgelenkt wäre, würden sie vielleicht weitersprechen.

»Was machst du da Schönes?« Bela sah Julia über die Schulter.

»Ich zeichne den Weg durch die Stadt aus dem Gedächtnis auf. Dann kann ich die Gegend erkunden, ohne mich zu verlaufen.«

»Wo hast du das Smartphone ergattert? Ja, so nannte man die früher.«

»Ein Händler hatte eine ganze Schachtel davon. Auf den meisten waren Programme, von denen er auch nicht wusste, wozu sie dienten. Eins war voller Musik.«

»Die Generation deiner Großeltern war mit solchen Teilen nahezu verwachsen. Sie machten alles damit. Allerdings mussten die Geräte dafür vernetzt sein. Seit das nicht mehr möglich ist, sind sie wertlos.«

»Ich verwende die Zeichnungen wie ein Tagebuch. Oh nein, nicht jetzt schon.« Das Bild hinter dem Glas flackerte. Julia klopfte an die Rückseite des Geräts. »Normalerweise sollte ich noch Energie für zwei Tage haben. Der letzte Händler hat mir einen Schrottakku verkauft.«

Bela drehte sich um, ging zu einem Schrank und holte eine Streichholzschachtel heraus, der er ein Goldplättchen entnahm. »Kauf dir einen neuen Akku. Dreihundert Meter die Straße hinauf ist ein Laden. Bring auch Kartoffeln mit, wenn es welche gibt.«

Julia bedankte sich und legte das Goldplättchen in eine fingernagelgroße Schatulle, die von innen an die Zunge ihres rechten Schnürstiefels genäht war.

»Darf ich mitkommen?«, fragte Josephina.

Anne schien unentschlossen.

»Lass sie«, sagte Bela. »Es ist noch hell und du kannst ihnen hinterherschauen, wenn dich das beruhigt. Auch dafür ist der Balkon nützlich. Wir haben von hier oben alles im Blick.«

Er stützte seine Hände auf das Geländer und nahm die Pose eines Königs ein, der zu seinen Untertanen spricht. Doch die Straße unter ihm war menschenleer.

»Schon gut«, sagte Anne. »Ich will nicht überängstlich sein. Zeig mir lieber das Bad. Im Gegensatz zu den Mädchen habe ich mich auf der Fahrt nicht erfrischt.«

Julia hörte noch, wie Bela damit prahlte, fließendes und bei Sonnenschein sogar warmes Wasser zu haben, dann war sie im Treppenhaus und bemühte sich, mit ihrer Schwester, die vorausstürmte, Schritt zu halten.

»Renn nicht, wir haben Zeit.«

»Jetzt haben wir Zeit«, sagte Josephina, als sie auf der Straße waren. »Lass uns langsam gehen, ich will nichts verpassen. Schau, dort drüben hängen Vorhänge vor den Fenstern. Und da steht ein Karton im Eingang. Wir haben Nachbarn!«

Julia lachte. »Wahnsinn.«

»Findest du Berlin nicht toll?«

»Ich habe gedacht, dass mehr los wäre.«

»Die Leute sind bestimmt alle arbeiten oder bei Freunden. In einer Stadt kannst du dich jeden Tag mit jemand anderem treffen.«

»Vielleicht gibt es Restaurants.«

»Klar gibt es die. Das Pärchen, das uns entgegenkommt, ist bestimmt zum Essen unterwegs.«

Ein junger Mann und ein Mädchen, das Julia nur wenig älter als sich selbst schätzte, kamen ihnen entgegen. Die Haut der beiden war auffallend hell. Das Mädchen hatte den Mann untergehakt. Von weitem schienen sie zwei Verliebte zu sein, die sich Dinge ins Ohr flüsterten, doch als sie sich näherten, bekam Julia einen anderen Eindruck. Aus dem Gesicht des Mädchens sprach Angst. Es machte unsichere, kleine Schritte, weil der Absatz seines linken Schuhs abgebrochen war. Der Mann versuchte, es zu stützen, während er sich immer wieder umblickte. Nun befanden sie sich auf einer Höhe mit Julia und Josephina.

»Nicht rennen«, protestierte das Mädchen. »Damit verraten wir uns.«

»Sie folgen uns schon längst.«

»Vielleicht gehen sie nur zufällig in die gleiche Richtung.«

»Das glaubst du doch selbst nicht.«

Der Mann blieb stehen, schob das Mädchen in eine Einfahrt und zerrte einen Bauzaun als Sichtschutz vor sie.

Drei Männer und eine Frau bogen in die Straße ein. Alle trugen Holzlatten. Einer hatte eine Eisenkette über die Schulter geworfen, die bei jedem Schritt bedrohlich rasselte. Josephina stand starr vor Schreck. Julia nahm ihre Hand.

»Komm weiter. Wir wechseln die Straßenseite und gehen zum Laden. Wir sind neu hier und haben mit nichts und niemandem etwas zu tun.«

Doch Josephina war keinen Zentimeter zu bewegen. Um einen Vorwand zu haben, stehen geblieben zu sein, zupfte Julia mit der freien Hand an der Kleidung ihrer Schwester herum. »Du musst dich in Ordnung bringen, wir sind nicht mehr auf dem Acker!«

Hinter dem Zaun sagte das Mädchen mit zitternder Stimme: »Und alles nur, weil du noch mal zurück wolltest. Dabei haben wir das gar nicht mehr nötig. Auf den Sonnenuntergang hätte ich gern verzichtet. Für deine blöde Romantik werden wir teuer bezahlen.«

Julia scharrte laut mit den Füßen. Im Versteck wurde es still. Doch nun regte sich Josephina wieder. Ihre Finger umklammerten Julias panisch. »Nichts wie weg!«

»Dafür ist es zu spät«, sagte Julia leise. »Sie haben uns bemerkt. Wir lassen sie einfach vorübergehen.«

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Gruppe sie erreicht hatte. Die Männer bauten sich links und rechts von Julia und Josephina auf. Die Frau blieb dicht vor Julia stehen. Ihr Atem roch beißend.

»Wohin sind die beiden?«

»Welche denn?«, fragte Julia zurück.

Eine Kindheit voller Gefahren hatte sie gelehrt, dass es ab dem Zeitpunkt der schlimmsten Furcht schon wieder bergauf ging. Nach dem lautesten Donner entfernte sich das Gewitter, hinter den Stromschnellen wartete das sichere Ufer, und wenn eine Wolfsherde vorbeigezogen war, würde man so bald auf keine zweite stoßen.

»Die Blassen suchen wir«, sagte die Frau. »Schneeweißchen und Rosenrot.«

»Drüben ist ein Paar im Haus verschwunden.« Julia deutete zurück zu dem Eingang auf der anderen Straßenseite, vor dem der Karton stand.

»Los.« Die Frau machte eine Bewegung mit dem Kinn, und die Männer setzten sich wieder in Gang.

Als sie im Haus verschwunden waren, rüttelte Julia am Zaun. »Ihr könnt rauskommen.«

Das Mädchen schlüpfte als Erstes zurück auf die Straße. »Ich will nur noch nach Hause.«

Julia trat ihr in den Weg und verschränkte die Arme. »Ihr solltet mir dankbar sein.«

»Danke«, sagte der junge Mann und wollte seine Begleiterin mit sich ziehen. Doch die suchte etwas in ihrer Umhängetasche.

»Für euch.« Sie gab Julia einen Stapel Bildchen, jedes etwa so groß wie eine Löwenzahnblüte. »Das sind meine Letzten.«

Sie zog ihre Schuhe aus, warf sie fort und rannte barfuß in die Richtung, aus der sie gekommen war. Erst an der Straßenecke holte ihr Begleiter sie ein.

Julia fächerte die Bildchen wie Spielkarten auf. Sie zeigten einfarbige und schraffierte Flächen, die von einem Liniennetz durchschnitten wurden. Würden sie ein größeres Bild ergeben, wenn man sie zusammensetzte? Doch egal wie Julia sie anordnete, keine Kante passte an eine andere.

»Wir sollten auch verschwinden, bevor die Schläger zurückkommen«, sagte Josephina. »Raketenmodus?«

»Düsenantrieb!« Julia machte ein zischendes Geräusch, und sie sprinteten los.

Den Laden erreichten sie schwer atmend. Hinter dem Tresen stand eine Frau, deren Haar in verschiedenen Rottönen gefärbt war: die Ponypartie hell, die Seiten Karmesin und der Hinterkopf Aubergine. Es wirkte, als habe ihr Friseur mit Resten gearbeitet, möglicherweise mit Packungen aus ihrem Sortiment, denn was in den Ladenregalen stand, setzte sich ebenfalls aus Angebrochenem und Gebrauchtem zusammen. Da gab es halbleere Seifenspender, Enden von Hartwürsten und Bleistiftstummel. Auf einem Kleiderständer hingen geflickte Jeans.

»Kann ich helfen?«, fragte die Rothaarige.

»Einen neuen Akku bräuchte ich.« Julia legte ihr Zeichengerät auf den Tresen. »Für dieses Modell.«

»Da muss ich sehen, was sich machen lässt …«

Die Frau nahm das Gerät und verschwand in einem Hinterraum. Julia begutachtete das Angebot an Kaugummis und Bonbons, das neben der Kasse aufgebaut war. Den Pfefferminzdrops waren Gutscheinmarken für Bleistifte beigelegt, aber Bildchen, die ihren ähnelten, entdeckte Julia nirgendwo. Im Hinterraum wurde geklopft. Die Rothaarige kam zurück.

»Ich habe einen Universalakku passend gemacht«, sagte sie. »Du solltest immer die Hülle am Gerät lassen, falls Säure ausläuft. Noch einen Wunsch?«

»Kartoffeln, wenn Sie haben«, sagte Julia.

»Ist wohl dein Geburtstag heute. Hast was zu feiern.«

»Nein, warum?«

»Weil Kartoffeln Mangelware sind. Zuletzt hat das Kilo fünf Gramm Gold gekostet. Die Fäule hat die letzten Ernten vernichtet, und nun sind wir auf Lieferungen aus Russland angewiesen. Nur kam schon länger keine mehr an.«

»Wieso nicht?«

Die Rothaarige hob die Hände. »Krieg, schlechtes Wetter oder den Händler hat es dahingerafft. Weißt ja, wie man sagt: Wenn ich mehr wüsste, wäre ich nicht hier. Ich könnte versuchen, Kartoffeln zu besorgen. Dafür will ich aber einen Vorschuss.«

»Wir nehmen keine Kartoffeln.« Josephina zupfte Julia ungeduldig am Ärmel und flüsterte ihr ins Ohr: »Bezahl den Akku und lass uns zurückrennen, bevor die bösen Leute uns finden.«

Julia legte das Goldplättchen auf den Tresen und erhielt eine Rolle Dauerkekse als Wechselgeld.

»Kommt bald wieder«, sagte die Rothaarige. »Vielleicht habe ich dann mehr im Angebot.«

Den Rückweg brachten Julia und Josephina unbehelligt hinter sich. Vor der Wohnungstür hielt Julia ihre Schwester davon ab, sofort zu klopfen.

»Kein Wort von dem blassen Paar zu Mama! Die lässt uns sonst nicht wieder allein raus.«

»Darauf habe ich auch keine Lust«, sagte Josephina.

»Bist du gar nicht neugierig auf Berlin?«

»Nee. Es gibt keine Kartoffeln, und wer blass ist, wird gejagt.«

»Was uns nicht passieren wird. Wir können uns auf unserem Balkon sonnen.«

»Papa hat gesagt, er vermietet den Balkon.«

»Ist doch noch besser, endlich verdient er Geld. Und du hast sowieso schon eine gesunde Gesichtsfarbe.« Julia knuffte Josephina aufmunternd in die Seite. »Tomatenrot im Moment.«

Ihre Schwester wich aus und schüttelte den Kopf.

»Du bist die Große, du solltest dir Sorgen machen. Wie ist Papa an die Wohnung gekommen? Er ist mit leeren Taschen nach Berlin gegangen, und wir wissen beide, wie sehr er Arbeit hasst. Wenn er hätte schuften wollen, wäre er im Norden geblieben. Wo wir wenigstens Kartoffeln hatten.«

Julia zuckte mit den Schultern. »Wir kochen gleich eine leckere Brühe, in die wir die Kekse tunken. Und Schneeweißchen und Rosenrot kennen wir nach wie vor nur aus dem Märchen, in Ordnung?« Sie machte eine Bewegung, als verschließe sie ihre Lippen mit einem Reißverschluss, und klopfte an die Tür.

Anne öffnete ihnen. Mit den Keksen in der linken Hand und den Bildchen in der rechten ging Julia an ihrer Mutter vorbei in die Wohnung. Es roch nach Kaffeeersatz. Licht fiel durch eine schmutzige Scheibe und Staubflocken tanzten in der Luft. Ein Gefühl der Unwirklichkeit beschlich Julia. Ihr war, als befände sie sich in einem Traum, dessen einzige Pforte zur Wirklichkeit in dem rätselhaften Geschenk des blassen Mädchens bestand. Noch wusste Julia nicht, was sie mit den Bildchen anfangen sollte. Für die Verfolgte mussten sie einen Wert gehabt haben, sonst hätte sie sie nicht bei sich getragen. Julia würde herausfinden, was es mit ihnen auf sich hatte. Bis ihr das gelungen war, würde sie sie niemandem zeigen.

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